Come walk with me: Hoch über dem Tal

Am Rande unseres Dorfes liegt ein verborgenes Tal, eine kleine, einsame Wildnis fernab gut besuchter Spaziergängerrouten. Merrydale, das „fröhliche Tal“, ist einer meiner Lieblingsorte, die ich oft aufsuche, um zur Ruhe zu kommen, eine frische Brise aufzuschnappen, meine Gedanken zu durchlüften und Inspirationen zum Schreiben zu finden. Hierher möchte ich euch heute mitnehmen:

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„Kopflos auf dem Pennine Way – Eine Berlinerin in der englischen Wildnis“

Und hier folgt unser Spaziergang zum Nachlesen:

Am gestrigen Nachmittag hatte der englische Gesundheitsminister davor gewarnt, den Aufenthalt im Freien noch weiter zu beschränken. Nach wie vor seien zu viele Menschen dichtgedrängt in Parks und im Grünen unterwegs. Seine mahnenden Worte drücken mir noch immer auf den Magen als ich an diesem Morgen die Tür zum Garten hin aufstoße. Doch die kühle, von Frühlingsdüften getränkte Luft verweht meine Sorgen. Vor mir liegt eine aus dem Winterschlaf erwachende Welt. Die Blüten von Blaukissen, Tulpen und Buschwindröschen entfalten sich in der Sonne. Ein Meer aus leuchtenden Farben umgibt mich und der Geruch von frisch gemähtem Gras kitzelt in meiner Nase.

Eine unsichtbare Hand in meinem Rücken schiebt mich die Stufen zum Gartentor hinauf und schubst mich vorwärts, mitten hinein in die ungestüme Landschaft. Ich folge einer asphaltierten Straße und nehme einen altbekannten Pfad oberhalb des Sees. Hinter einer moosbewachsenen Trockenmauer ragen die knorrigen Stämme von Birken, Erlen und Ahornbäumen aus dem laubbedeckten Boden über den Hang. Mattgrünes Efeu klettert an ihrer Rinde hinauf und umgibt sie wie ein schützender Mantel. Aus einem abgebrochenen Stamm hat ein Künstler ein Gesicht herausgeschnitzt, das etwas grimmig dreinblickt. Es erinnert mich an einen Totempfahl wie sie die indigenen Völker Nordamerikas fertigen. Ich betrachte die kunstvollen Ausformungen, die die drumherum wachsende Natur ganz ohne menschliches Zutun ausgebildet hat und frage mich, ob der Zufall am Ende nicht die geschickteren Hände hat.

Auf der kurvenreichen, unbefahrenen Landstraße, hallt das Echo meiner Sohlen lange nach. Ich befinde mich auf einem Wanderweg, der erst wenige Jahre alt ist, aber Routen folgt, auf denen in früheren Jahrhunderten Kaufleute ihre Waren durch die südlichen Pennines in die umliegenden Städte transportierten. An Steinmauern und Zäunen befestigte Markierungen weisen mir den Weg durch eines der naturbelassensten Täler unserer Gegend, das den klangvollen Namen Merrydale trägt: das fröhliche Tal. Für gewöhnlich verirrt sich kaum ein Spaziergänger hierher und auch jetzt bin ich allein auf weiter Flur.

Neben mir gluckert ein kleiner Bach über glänzende Steine hinweg. An seinem grasumsäumten Ufer wachsen zitronengelbe Ringelblumen. Pfauenaugen und rote Admirale schwirren über die umgebenden Wiesen. Die Luft ist erfüllt von einem Surren und Summen, das mich schwindelig werden lässt. Ich hocke mich an den Rand des Bächleins und lausche seinem Plätschern und Rauschen. Schwere Gedanken werden leicht, steigen hoch hinauf und lösen sich irgendwo über den Wolken auf.

Leichtfüßig laufe ich weiter über einen staubigen Feldweg, vorbei an verdorrten Brombeerbüschen, die sich wie ein stachliger Schutzwall mitten durch das langgezogene Tal ziehen. Unbelaubte Bäume und Sträucher überschatten den Weg zu beiden Seiten. Zwischen ihren Zweigen hängen Kolonien dichtbehaarter Wollläuse wie flauschige Watteflusen. Im Sommer sind die Wiesen übersät mit hochwachsenden Stauden und blühender Pracht. Jetzt aber ruhen sie noch, brach und von der Schwere des Winters niedergedrückt. In den nächsten Tagen und Wochen werden sich ihre Halme aufrichten und Platz schaffen für Kuckucksblumen und Wiesenschaumkraut, Glockenblumen, Diesteln und Goldrosen.

Viele der Pflanzen, die in Merrydale heimisch sind, gelten allgemeinhin als Unkraut und werden in Gärten und Parks mit der Wurzel herausgerissen. Sie stören die Ästhetik, bedrohen zierlichere Arten und wuchern über alles hinweg. Für mich aber liegt ihre Schönheit gerade in ihrem wilden, unbezwungenen Wachstum und ich bin froh, dass es Orte wie Merrydale gibt, in denen sie frei und ungezähmt austreiben können.

Ich gelange an eine kleine Brücke, die über den Bach auf die andere Seite hinüberführt, wo sich ein schmaler Pfad dicht am Hang eines Hügels hinaufschlängelt. Viele europäische Zierpflanzen wachsen in England in der freien Natur und können mitunter gigantische Dimensionen erreichen. Ausufernde Rhododendronbüsche sind ein Beispiel für diese Form der Auswilderung. Aber auch Stechpalmen gehören dazu. Zwischen ihren gezackten Blättern, die wachsartig glänzen, hängen noch immer ein paar rote Beeren. Sie erinnern mich an die letzte Weihnachtszeit, als wir Tische und Wände mit ihren Zweigen schmückten. Damals konnten wir kaum ahnen, dass es vorerst das letzte unbeschwerte Fest sein würde, und dass wir unsere Familien und Freunde schon bald nur noch auf Computerbildschirmen und Handydisplays wiedersehen würden.

Je höher ich hinaufsteige, desto leichter fällt es mir, die Last dieser Tage hinter mir zu lassen. Das dumpfe Echo der Nachrichten dringt nicht bis hier oben durch. Alles, was ich hören kann, ist das muntere Tschirpen der Vögel und das Rauschen der Gräser im Wind. Da wo sich die Böschung lichtet, erhasche ich einen Blick hinab ins Tal. Ein dichter Teppich aus rostbraunem Heidekraut, tiefgrünen Wiesen und ausgeblichenen Horsten zieht sich über die Landschaft. Ein milder Kontrast zum verwaschenen Blau des Himmels. Ich setze mich auf einen kleinen Felsen und lasse meinen Blick schweifen. Hier draußen scheint alles so friedlich und am rechten Platz zu sein.

Über mir kreist ein Schwarm hungriger Saatkrähen. Ihr Krächzen dringt tief unter meine Haut. Am liebsten würde ich mein kleines Zelt vom Dachboden holen und mich eine Nacht lang an diesem Gewirr aus wilden Lauten und belebenden Gerüchen stärken. Mir fehlen die langen Wanderungen über die verlassenen Hochmoore der Pennines, die schimmernden Kalksteinfelsen und wilden Schluchten der Yorkshire Dales. Mir fehlt die Nordseeküste, die weiß getünchten Häuser der Fischerdörfer, das Geschrei der Albatrosse. Vielleicht tue ich einfach so, als wäre ich schon seit Tagen genau dorthin unterwegs.

Ich atme tief durch und ziehe weiter. Der Pfad wird zunehmend schmaler und verläuft nah am Abhang entlang. An einigen Stellen ist er bereits in die Tiefe hinabgebröckelt und ich muss meine Füße vorsichtig über die klaffenden Lücken hinwegsetzen. Diese Art der Fortbewegung erinnert mich sehr an meine Wanderung auf dem Pennine Way. Meine Bewegungen holen Bilder zurück in mein Gedächtnis von riskanten Klettermanövern und steilen Aufstiegen. Die Erinnerungen an meine erste lange Erkundungsreise zu Fuß fühlen sich gut an, aber ein wenig schmerzen sie auch. Damals konnte ich es kaum abwarten, meinen Rucksack zu packen und aufzubrechen in eine unbekannte Weite. Die Ausflüge, die ich jetzt in meiner unmittelbaren Umgebung unternehme sind weniger unbeschwert und wirken eher wie ein Mittel zum Zweck. Sie helfen mir, nicht in Düsterkeit zu versinken. Anders als früher, schlüpfe ich nicht mehr lächelnd in meine Wanderschuhe. Ich muss mich stundenlang dazu überreden, einen Fuß vor meine Tür zu setzen. Alles fühlt sich zäh und gummiartig an. Die Pfade sind eng geworden, die Bewegungen eingezäunt. Manche Fußwege sind bereits geschlossen, andere umgehe ich, aus Angst, jemandem zu nahe zu kommen. Ich kann den Eindruck nicht abschütteln, unter permanenter Beobachtung zu stehen. Ein falscher Schritt und ich laufe Gefahr, mir einen empörten Wutpost auf Facebook einzuheimsen oder von den Nachbarn angezeigt zu werden. Wenn ich in diesen Tagen spazieren gehe, läuft Paranoia, meine neue beste Freundin, stets dicht neben mir. Verunsicherungen und Schuldgefühle brechen auf und ich muss versuchen, sie so gut es geht im Zaum zu halten. Hier oben auf den einsamen Hügeln gelingt mir das sogar für eine Weile.

Aus dem Tal dringt Kinderlachen herauf. Ich bleibe stehen und blicke hinab. Am Ufer eines kleinen Baches sitzt verborgen im Schatten eines Baumes eine Mutter mit ihrem Sohn. Sie schaut zu mir auf und in unseren Blicken begegnet sich dieselbe Unsicherheit, ein ähnliches nervöses Flackern in den Augen. Wir schenken uns ein zögerliches Lächeln. Dann steige ich den Hügel hinab und durchquere ein kleines Waldstück, das zu einem idyllisch gelegenen Cottage führt. Eine steile Treppe führt seitlich daran vorbei und ich haste die Stufen hinauf, bevor mich der Eigentümer entdecken kann. Wieder beschleicht mich dieses unangenehme Gefühl, dass ich hier nichts verloren habe, doch ich reiße mich zusammen und denke stattdessen an all die mutigen Wanderer, die sich einst unter Androhung von Gefängnisstrafen und körperlicher Gewalt für die Öffnung der englischen Landschaft eingesetzt haben. Ihre Errungenschaften nützen uns heute mehr denn je. Erst jetzt wird uns bewusst, wie unentbehrlich der freie Zugang zur Natur tatsächlich ist und wir stellen mit Schrecken fest, dass es in unserem Leben noch immer viel zu wenig davon gibt.

Ich beschließe, umzukehren und auf demselben Weg nach Hause zurückzulaufen. Sobald ich mich umdrehe und den Rückweg antrete, blicke ich auf eine verwandelte Welt. Das Licht fällt aus einer anderen Richtung auf den Pfad. Bäume, Felsen, Wiesen und Felder haben Formen und Farben gewechselt. Bachstelzen, Finken und Blaumeisen singen andere Lieder. Die Landschaft hat mir eine neue Version vor die Nase gesetzt und ich lasse mich gern davon trügen. Während ich in umgekehrter Richtung am Hang des Hügels entlangstapfe bleibt mein Blick an jedem Detail haften. Ich richte meine Augen mikroskopartig auf die Knospen von Hainbuchen, Weiden und Ulmen. Je näher ich an die winzigen Strukturen und Muster der Blätter, Zweige und Blüten heranzoome desto größer und vielschichtiger wird ihr Kosmos. Ich begreife, dass ich meine Perspektive verkleinern muss, dass die Panoramen auf meinen Fotos die Landschaft nur unvollkommen abbilden. Sie verstellen die Sicht auf die verborgenen Schichten. Sie priorisieren Oberflächen und Silhouetten und erschaffen den Eindruck, die sichtbare Welt wäre gleichzeitig auch die bedeutendste. Doch in der Tiefe fächern sich ihre Dimensionen, vervielfachen sich ins Unendliche. Auch wir können nur einen Bruchteil davon erfassen.

Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis der versteckt liegende Wanderweg von Hundebesitzern, Familien und Mountainbikern entdeckt und in Beschlag genommen wird. Ich finde es schön, dass viele Menschen gerade die Natur für sich entdecken, aber dennoch bange ich ein wenig um die kleine, einsame Wildnis. Ein paar Spaziergänger mehr, die Gegenden wie diese schätzen lernen, wären durchaus schön, denn sie erheben am Ende auch die Stimmen für ihren Erhalt. Überfüllte Wanderwege und lärmende Menschengruppen aber würden ihren wohltuenden Effekten entgegenwirken. In einer Zeit, in der das Draußensein zu einer wertvollen Zuflucht aus unserer häuslichen Isolation geworden ist, rächt sich die Begrenztheit der natürlichen Räume und die Tatsache, dass es viel zu wenig Wildnis in unserem Lebensumfeld gibt.

4 Gedanken zu “Come walk with me: Hoch über dem Tal

  1. Und wieder gebührt dir ein großer Dank liebe Steffi. Du hast uns wieder auf einen großartigen Ausflug in die Natur mitgenommen, und besonders gut haben mir die Kameraeinstellungen gefallen, in denen du dich selber beim Wandern gefilmt hast.
    Die sanfte Hintergrundmusik und deine angenehme Erzählweise sind sehr entspannend, also genau richtig für diese nervenzehrenden Zeiten.
    Fühl dich ganz lieb gedrückt 🤗

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    • Sehr, sehr gern! Ja ich habe jetzt endlich eine gute Verwendung gefunden für die zahlreichen Wegmarkierungspfähle. Die sind super für solche Selfies 👌😊. Ich drück feste zurück! 🌼💞

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  2. Danke, liebe Steffi! Das ist wieder eine schöne Wanderung – geführt von Deiner Stimme und untermalt durch die beeindruckenden Landschaften. Gruß von Deinem Onkel Rüdiger aus dem sonnigen Berlin

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