Von Welton nach Market Weighton (29.3 Kilometer)

Nach einer kuscheligen Nacht in einem XXL-Kingsize-Bett und einem Becher zähflüssigem Porridge stehe ich Punkt sieben Uhr auf der verlassenen Hauptstraße in Welton und tigere Richtung Ortsausgang davon. Meine Stimmung passt zum diesigen Morgengrauen. Ich bin noch nicht richtig drin im Hikingrausch. Es fällt mir schwer, in die Pötte zu kommen. Gestern bin ich vor lauter Vorfreude auf den Trail noch übermütig im Hotelzimmer herumgehüpft, habe mir im Spiegel zugezwinkert und mit meinen Wanderstöcken gefochten. Doch abends schrumpfte mein Übermut zu einem zweifelnden Bündel zusammen.

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Das Green Dragon Inn in Welton ist ein charmanter Landgasthof mit hauseigener traditioneller Küche und modern ausgestatteten Zimmern.

Ich saß völlig allein in einer dämmrigen Ecke des Pubs und stopfte einen riesigen Pie in meine ausgehungerten Backen, als mir plötzlich einfiel, dass die nächsten Tage genau so aussehen würden. Ich würde jeden Abend in einer mir unbekannten Herberge einkehren, an einem Single-Tisch sitzen und die Erlebnisse des Tages mit niemandem außer mir selbst teilen können. Um mich herum werden sich Einheimische in feucht-fröhlicher Wochenendstimmung versammeln. Sie werden miteinander lachen, scherzen, sich unterhalten und zuprosten. Und ich werde als bunter Punkt (denn Hikerklamotten sind oft nur in grellen Neonfarben erhältlich), erschöpft und ausgezehrt neben ihnen sitzen, ihren Gesprächen lauschen und versuchen, nicht allzusehr aufzufallen.

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Aus meinem Vorhaben, jeden Abend einen gigantischen Yorkshire Pudding zu verspeisen wurde leider nichts. Aber ein deftiger Steak & Ale Pie tut es zur Not ja auch.

Das ist der Preis des Solo-Wanderns. So schön es auch ist, sich tagsüber selbst zu genügen, schweigsam und dem eigenen Rythmus folgend umherzustreifen, so schwerer wird es am Abend, wenn da niemand ist, der wirklich versteht, was es heißt, allein unterwegs zu sein. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sich die Welt noch nicht ganz mit alleinreisenden Frauen abgefunden hat. Noch immer erregen wir Aufmerksamkeit, ein gewisses Maß an Bewunderung, die in Wirklichkeit eher ein erstauntes Überraschtsein ist. Alleinreisende Männer werden meines Wissens nicht gefragt, ob sie Angst hätten oder besonders mutig wären. Als Solo-Hikerin will ich nämlich überhaupt nicht bewundert oder erstaunt begutachtet werden, nur weil ich – huch – eine Frau bin. Ich will ganz selbstverständlich durch die Gegend stapfen können, als wäre das überhaupt nichts Ungewöhnliches.  „Warum kommt denn dein Mann nicht mit?“, wurde ich vor dem Aufbrechen oft gefragt. Dass mein Alleinwandern nicht daran liegt, dass niemand sonst Zeit hatte, mich zu begleiten, sondern dass es eine bewusste Entscheidung meinerseits sein könnte, scheint nicht so ganz einzuleuchten. Für mich ist es inzwischen so selbstverständlich, allein loszuziehen, dass ich gar nicht erst auf die Idee komme, nach einer Begleitung zu fragen. An diesem Morgen wünsche ich mir zwar einen kleinen Schubs von außen, aber ich weiß auch, dass ich mir den ganz gut selbst verpassen kann.

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Allein auf weiter Flur. Ich genieße das Unterwegssein als Solo-Hikerin, mag aber natürlich grundsätzlich auch nette Begleitung.

Die ersten Kilometer führen mich durch ein bewaldetes Tal mit hochgewachsenen Laubbäumen, zwischen denen plüschige Grauhörnchen umherhuschen. Ich sauge die feuchte Waldluft tief in mich ein und mit jedem Schritt hellt sich mein Gemüt weiter auf. Vor meiner Abreise habe ich mir von meiner englischen Schwiegermama die wichtigsten britischen Vogelarten beibringen lassen. Doch die einzigen Vögel, die panisch aus dem Geäst der Bäume stürzen, als ich an diesem Morgen vorbeistapfe, sind herkömmliche Waldtauben. Einige von ihnen verhaken sich dabei scheinbar in ihrem eigenen Geflügel, sodass sie wild im Blattwerk umherflattern und dabei so viel Krach anrichten, dass ich mich frage, wer hier der eigentliche Störenfried ist.

 

Mein Gewissen beruhigt sich wieder als ich den Wald verlasse und dem mal grasigen, mal sandigen Pfad über offene Felder folge, die sich wie ein Flickenteppich aus gelb-golden und grün funkelnden Rechtecken über sanft geschwungene Hügel erstrecken. Hohe Weißdornhecken, in denen es unermüdlich raschelt und zwitschert umrahmen die fruchtbaren Ackerflächen.

Die Ähren stehen bereits gut im Korn. Bohnen und Kohl sind reich ausgetrieben. Und dazwischen leuchtet immer wieder feuerroter Mohn. Die Yorkshire Wolds sind in die Farben des Sommers getaucht. Wohin ich auch blicke, leuchten sie in den schillerndsten Farben. Schmetterlinge in allen Variationen umschwirren Wiesen und Felder. Der Weg ist zu einem großen Teil überwuchert, sodass ich mich durch schulterhohe Gräser, Nesseln und Diesteln schlagen muss, die angenehm auf meiner Haut kitzeln.

Der Wolds Way führt stetig auf und ab, schlängelt sich an verschlafenen Dörfern vorbei, in denen oft nur ein paar Häuser stehen. Manchmal gibt es sogar ein Pub mit ausgezeichneter Küche, oft aber beeindruckende Kirchen oder andere Bauwerke mit einer faszinierenden jahrhundertealten Geschichte. Zu den attraktivsten Kirchen auf dem Wolds Way gehört zweifellos die All Saints Church in Brantingham, die bis ins 13. Jahrhundert zurückdatiert.

Da meine Marschroute streng bemessen ist, kann ich nur einen Blick aus der Ferne auf die folgenden ebenfalls hübsch gelegenen Dörfer South Cave und North Newbald werfen, die der Wolds Way nur streift, nicht aber direkt durchquert. Auf meinem Weg passiere ich zahlreiche historische Stätten, von denen kaum noch etwas sichtbar ist und die mir dennoch Gänsehaut bereiten. Bei Hessleskew Farm in der Nähe des Dorfes Sancton befand sich einst ein römisches Amphitheater. Außerdem befinde ich mich hier im einstigen Territorium der Parisier, einem keltischen Stamm der Eisenzeit.

Bald darauf teilt sich der Wolds Way in zwei Alternativen. Die eine Route führt ins Dörfchen Goodmanham, in dem es bis auf einen Pub keine weiteren Versorgungsmöglichkeiten gibt, die zweite ins etwas größere und mit Shops und Einkehrmöglichkeiten ausgestattete Market Weighton. Dort werde ich heute im Londesborough Arms Hotel übernachten. Ein paar Kilometer vorher will ich jedoch noch einmal Rast machen. Inzwischen sind meine Hüften unter dem Gürtel meines Rucksacks stark aufgeschürft und meine Füße brennen wie Zunder.

Da erblicke ich eine Bank, die mir gerade recht kommt. Darauf sitzt eine junge Frau mit einem gut gefüllten Rucksack. Ihre Wangen sind rosig und ihr Blick wirkt müde. Ihre Beine liegen lässig ausgestreckt auf der Sitzfläche. Als ich näherkomme, springt sie auf und bietet mir lächelnd den Platz neben sich an. Ich blicke verwundert auf Ihren Rucksack, der nicht nur für einen Tagesausflug gepackt zu sein scheint. Dann frage ich sie, ob sie etwa auch den Wolds Way läuft. Als Sie fröhlich bejaht, bin ich verblüfft, denn laut meinem Wanderführer gehört der Trail zu den weniger bekannten Strecken und da ich schon auf dem besser bekannten Cleveland Way keinen einzigen Mitwanderer getroffen habe, hatte ich auf dem Wolds Way so überhaupt nicht damit gerechnet.

Noch mehr staune ich aber, als mir die heitere Frau in starkem amerikanischen Akzent erzählt, dass sie extra aus New York eingeflogen ist, um diesen Wanderweg zu laufen. Eine Dokumentation hatte sie auf die Idee gebracht und da es hieß, der Wolds Way sei für Anfänger gut geeignet, hatte sie kurzerhand beschlossen, die Reise zu unternehmen. Ich bin erstmal völlig platt. Augenblicklich muss ich an die Urgesteine der National Trails denken, an den Apalachian Trail, den Pacific Crest Trail. Warum ausgerechnet in England wandern, wenn diese Urgetüme direkt vor der Haustür liegen? Und dann betätigt sie mir, dass es einen ganz einfachen Grund dafür gibt: „Die Landschaft ist doch einfach wunderschön!“

sdr

Sie hat heute auch niemanden mehr erwartet :).

Ich nehme Platz, denn die junge Frau fasziniert mich und schnell finden wir heraus, dass wir bereits jetzt viele Wandererfahrungen teilen. Kekse mampfend und völlig durchgeschwitzt plauschen wir enthusiastisch über die Schönheiten und die Entbehrungen des Unterwegsseins, über das Hiken allein als Frau, über körperliche und seelische Bereicherungen. Und auf der Stelle bildet sich wieder dieses unsichtbare Band zwischen zwei wanderfreudigen Menschen, das ich bereits vom Pennine Way her kenne. Wir sprechen miteinander völlig zwanglos, ohne überflüssigen Smalltalk, ohne Eitelkeiten, über ganz persönliche Gedanken und Empfindungen. Und ganz am Schluss erst fragen wir nach unseren Namen. Ich finde, das ist ein so tolles Kennenlernen, nicht von außen, sondern von innen her. Unsere Namen sind nicht wichtig, wichtig ist, was wir denken, was wir fühlen und wer wir wirklich sind. Unsere Namen verschnüren das Paket am Ende, aber sie definieren uns nicht von vornherein.

Die junge Frau heißt Alex. Wir tauschen Nummern aus und wollen uns fortan auf unserer Reise moralisch unterstützen. Unser Lauftempo und unsere Strecken unterscheiden sich zwar. Wir übernachten an verschiedenen Orten und werden uns daher eventuell nicht mehr persönlich begegnen, aber allein der Gedanke, dass da draußen auf dem Trail noch ein Mensch ist, der mir ähnlich ist und dem ich mal kurz eine Nachricht schicken kann, wenn mir zum Weinen oder zum Lachen zumute ist, finde ich unfassbar schön. Und so gehen wir nach einer Weile wieder unserer Wege. Und plötzlich ist der Wolds Way nicht mehr nur irgendein Wanderweg, auf dem ich meine Fußabdrücke hinterlasse, sondern ein Pfad, der auch in mir seine Spuren hinterlässt und sich mit mir verwandelt.

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„Kopflos auf dem Pennine Way – Eine Berlinerin in der englischen Wildnis“

4 Gedanken zu “Von Welton nach Market Weighton (29.3 Kilometer)

  1. Hallo Stefanie
    Wieder darf ich virtuell mit dir wandern. Was für ein Geschenk. Ich kann mich einklinken in die Energie der Landschaft, der Häuser etc. Herzlichen Dank.
    Dein Satz: „unsere Namen verschnüren das Paket am Ende, aber sie definieren uns nicht im vorneherein“ ist sooo treffend! Danke dass du mich nicht nur mit Bildern teilnehmen lässt, sondern mit dem Beschreiben deiner Stimmungen und Gefühle. Vieles davon kenne ich auch aus solchen Situationen. Es tut gut zu lesen, dass es dir jeweils auch so geht.
    Alles Liebe und weiterhin viel Schönes und Gutes auf deiner Wanderung.
    Katharina

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