Marzahn goes Northern England

In meinen Blogartikeln habe ich euch oft an Orte geführt, die mir bisher völlig fremd waren und die ich zum allerersten Mal erkunde. Viele dieser Orte liegen in meiner neuen Heimat Nordengland. Doch wie der Titel meines Blogs verrät, stamme ich gebürtig ganz woanders her und habe auch eine „alte“ Heimat: nämlich Berlin.

Seit ich in England lebe, werde ich immer wieder mit der Nase auf meine Herkunft gestoßen, die ich, ob ich will oder nicht, stets mit mir herumtrage. Spätestens, wenn ich ein paar Worte mit einem Einheimischen wechsle, ernte ich diesen fragenden Blick, begleitet von einem leicht erstaunten Zucken um die Augenbrauen. Und dann folgt auf dem Fuß die Frage, die ich schon tausend Mal gehört habe: „Woher kommst du eigentlich?“

Wenn ich dann erzähle, dass ich aus Deutschland komme und in Ostberlin aufgewachsen bin, überschlagen sich die Gemüter beinahe immer vor Begeisterung. Als wäre ich einer Dramaserie entsprungen, befragen mich Fremde neugierig zum Leben hinter der Berliner Mauer.  Höflich lächelnd scharre ich dann mit den Füßen im Sand oder nippe peinlich berührt an meinem Weinglas. Doch in Wirklichkeit denke ich nur nach. Darüber, dass ich wohl tatsächlich ein Kind der DDR bin und was das eigentlich bedeutet.

 

Meine Herkunft gewinnt in der Fremde plötzlich an neuer Gewichtung, rückt ungewollt in den Fokus. Hier in England glaubt mir eh kein Mensch, dass ich von hier bin. Mein Akzent und mein „russisch anmutender“ Wintermantel verraten mich auf Anhieb. Wenn ich mich als Berlinerin oute, wird mir gleichzeitig klar, dass das angesichts der Größe der Stadt doch recht unspezifisch ist. Warum eigentlich verschweige ich den Rest, fange an zu nuscheln oder nenne den Namen meines Heimatbezirks mit einem spöttischen Unterton? Berlin-Marzahn. Ghetto, Randbezirk, Betonwüste, Platte. Die Liste der Synonyme ist lang und wenig schmeichelhaft, aber immer klingt es so als hallten sie nach wie ein Echo, sobald der Name ausgesprochen ist.

Als wir vor zwanzig Jahren ins grünere Umland Berlins gezogen sind, habe ich meine Verbindung zu diesem Stadtbezirk, in dem ich meine gesamte Kindheit verbracht habe, völlig gekappt. Vor ein paar Jahren kam ich aus reiner Neugier dorthin zurück und lief das erste Mal seit langer Zeit wieder durch die Straßen der Plattenbausiedlung. An jenem sonnigen Vormittag blitzen an jeder Ecke längst vergessene Erinnerungen hervor und mir wurde in aller Eindringlichkeit klar, dass hier zwischen den inzwischen bunt bemalten Betonriesen etwas mit mir geschieht, das ich an keinem anderen Ort dieser Welt empfinden kann: Das Gefühl  einer tiefen Verbundenheit, die in jede Zelle meines Körpers reicht und die sich einfach nicht abstreifen lässt.

All meine Vorlieben und Abneigungen, meine Wünsche und Träume, die Art wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, in welcher Umgebung ich mich wohl fühle, wovor ich mich fürchte – in allem, was ich bin, in allem, was ich empfinde, spiegelt sich meine Herkunft wider. Hier in Marzahn laufen die Stränge zusammen. Hier beginnt meine Geschichte.

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Zu Besuch in meiner Heimat Marzahn im März 2019. ©Anne Ramstorf

Lange habe ich gezögert, mich wieder anzunähern an einen Ort, der lange ein Symbol für Tristesse, Beengtheit und Einförmigkeit war und noch immer keinen beneidenswerten Ruf besitzt. Inzwischen bin ich fast genauso alt wie meine Heimat und habe mich fern von ihr, aber auch mit ihr verändert. Vor 40 Jahren wühlten die ersten Bagger das Erdreich auf, um hier am Rand Ostberlins eine der größten Plattenbausiedlungen Europas zu errichten.

 

Marzahn hat inzwischen einen ganz besonderen Stellenwert in meinem Leben eingenommen und bevor sie sich wieder verflüchtigt, habe ich beschlossen, unsere Verbindung  festzuhalten. Aus diesem innigen Wunsch ist mein Buch „Risse im Asphalt“ entstanden. In diesem Buch erzähle ich vom Aufwachsen im noch jungen Marzahn der 80er Jahre, den Absurditäten des Kindseins  im Schatten sozialistischer Erziehungsideale, dem Alltag in der Platte, vom Pioniersein, Ferienlagern und verschwundenen Gefährten und dem Tag des Mauerfalls.  In der DDR sozialisiert und aufgewachsen, haben sich viele Menschen meiner Generation im vereinigten Deutschland problemlos integriert. Dennoch sind sie geprägt von ihren Erinnerungen an ein verschwundenes Land, das einst ihr Zuhause war. Ihre Lebensläufe schlagen eine Brücke zwischen Ost und West. Sie bieten eine Chance, den Dialog über die DDR um neue Perspektiven zu erweitern und aus seiner Schwarz-Weiß-Verhaftung zwischen Verklärung und Verdammung herauszuholen. Auch aus diesem Grund habe ich das Buch geschrieben.

Cover Risse im Asphalt

©Berlin Story Verlag

Vor wenigen Wochen war ich erneut in Marzahn und wieder war es ein unglaublich sonniger Tag. Doch diesmal war ich in Begleitung einer jungen Frau, die viel jünger ist als ich und dennoch eine ganz besondere Mission verfolgt: In Ihrem Podcast „Ostwärts“ porträtiert die Journalistin Anne Ramstorf, die selbst ein Kind des Ostens ist, Menschen und Projekte aus Ostdeutschland. Dabei geht sie bewusst gegen Klischees und Stereotypen an, die noch immer tief verankert sind in den Gemütern und unablässig durch die Medien rauschen. Sie will zeigen, dass der Osten kein rechtsradikaler Sumpf, keine hinterwäldlerische Zone ist, sondern ein Ort der Vielfalt, Kreativität und Offenherzigkeit.

An diesem besonderen Tag spazieren wir gemeinsam durch Marzahn und plaudern wie gute Freundinnen über das Kindsein in der DDR, Normen und Werte, über unsere ostdeutsche Identität  und den noch immer mangelhaften Dialog über die Vergangenheit. Ich erzähle ihr, warum ich mein Buch geschrieben habe und was sich hinter dem Titel „Risse im Asphalt“ verbirgt.

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Unser damaliger Wohnblock in Marzahn. Hier bin ich aufgewachsen. Damals war hier allerdings noch nichts pink :). ©Anne Ramstorf

Als ich später dem fertiggeschnittenen Interview lausche, kullern  sogar ein paar Tränchen. Nicht aus Wehmut, sondern vielmehr aus Dankbarkeit und Bewunderung für einen wirklich gelungenen Podcast und eine mehr als begabte Moderatorin, die aus meinen aufgeregt dahingeplapperten Worten etwas so Berührendes gezaubert hat. Vielleicht aber auch ein kleines bisschen aus dem Gedanken heraus, dem Vergessen entgegenzuwirken und laut und deutlich zu sagen: Ja, ich komme aus dem Osten, und zwar aus Marzahn!

Hier gibt es den Podcast in voller Länge:

 

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Noch mehr England-Lektüre gefällig? Dann lege ich dir mein Buch ans Herz: „Kopflos auf dem Pennine Way – Eine Berlinerin in der englischen Wildnis“. Als E-Book, Hardcover oder Taschenbuch hier erhältlich:

„Kopflos auf dem Pennine Way – Eine Berlinerin in der englischen Wildnis“

 

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