Das kleine Atlantis von West Yorkshire – Buckton Castle

Als ich meine Landkarte aufschlage, habe ich mal wieder die Qual der Wahl. Unzählige Fußwege schlängeln sich durch West Yorkshire und ich habe keine Ahnung, für welche Route ich mich diesmal entscheiden soll. Doch da entdecke ich plötzlich auf einem eingezeichneten Hügel eine markierte Sehenswürdigkeit. Die Legende erklärt mir, dass es sich dabei um eine kleine Burganlage handelt: Buckton Castle. Jetzt bin ich hellwach. Eine Burg, ganz in der Nähe? Mein Entdeckerinnenherz schlägt Purzelbäume. Die Nadel auf meinem inneren Kompass schlägt aus und jetzt weiß ich ganz genau, wo ich hin muss. Ich mache mich also auf nach Greenfield, einem Dorf in der Gemeinde Saddleworth im Metropolitan Borough von Oldham, etwa 20 Kilometer von Manchester entfernt. Es liegt in einer breiten ländlichen Gegend in den südlichen Pennines und ist umrahmt von sanften Hügelketten und dunklen Felsmassiven.

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Der rote Pfeil zeigt auf die versunkene Ruine von Buckton Castle.

Als ich in Greenfield aussteige, komme ich sofort ins Schwitzen, denn es herrschen sommerliche Temperaturen um die 20 Grad. Und das mitten im Februar! Für die Engländerinnen übrigens Grund genug, schon jetzt in ihre Sommerkleidchen zu schlüpfen, um in der „Hitzewelle“ keinen Sonnenstich zu erleiden. Für mich reicht es erstmal völlig, meine Jacke auszuziehen und im T-Shirt weiterzulaufen.

Ich überquere eine stark befahrene Straße und lasse den Tesco mit all seinen Verlockungen links liegen. In meinem Rucksack stecken ein paar selbstbeschmierte Brote. Mehr Fastfood brauche ich nicht. Ein Stück folge ich dem Hudderfield Narrow Canal, auf dem die Sonne glitzert und funkelt und einige kanadische Wildgänse laut schnatternd miteinander raufen.  Am Ufer stehen ein paar schicke Villen mit perfekt gemähten Vorgärten und herausgeputzten Gartenmöbeln. Hier und da sitzt ein Rentnerpärchen gut geschützt im Schatten ihrer auf Kante geschnittenen Hecke. Links von mir mümmeln Schäfchen vernüglich im Gras. Dahinter erheben sich schattenwerfende Hügelkuppen unter einem strahlend blauen Himmel.

Wenig später verlasse ich den sanft in die Landschaft geschmiedeten Pfad und steige hinauf und immer höher hinauf, bis ich einen breiten sandigen Weg erreiche, der mich an der Flanke des Hügels um White Gate Pike herumführt. Die Aussicht ins Tal und die gegenüberliegenden Hügel  ist spektakulär. Eine altbekannte Euphorie überwältigt mich. Was ist das doch für ein Seelenschmaus! Schlagartig vergesse ich alles, was vorher war und noch kommen soll und sauge das pure Glück der Gegenwart in mich auf. Die Welt hält an und ich halte mit ihr inne. Ich weiß nicht, ob ich weinen oder lachen, herumtoben, singen oder einfach nur still sein soll. Es ist als kenne mein Herz keine Ausdrucksform für etwas so urtümlich Schönes. Also stehe ich einfach nur da und lasse das Unfassbare staunend und ohnmächtig über mich hinwegrollen. Erst nach Minuten fällt mir wieder ein, warum ich hier bin und wandere weiter Richtung Buckton Moor.

Nach anderthalb Stunden Fußmarsch unter hitziger Wintersonne werde ich langsam hungrig und entscheide mich für ein kurzes Bananenfrühstück, bevor ich den steilen, mit Heidekrautsprösslingen überzogenen Buckton Hill zur Burg hinaufsteige. Als ich so vor mich hin schnabuliere, die Füße weit von mir gestreckt, fällt mir ein, dass ich überhaupt gar nicht weiß, ob von der Burg überhaupt noch etwas zu sehen ist oder woran ich erkenne, dass ich den richtigen Ort erreicht habe.

Genau das aber erweist sich schon bald als knifflige Aufgabe. Auf der Kuppe des steilen Sandsteinhügels blicke ich auf einen riesigen Steinbruch, den ich fälschlicherweise für die archäologische Ausgrabungsstätte halte. Außer ein paar Baggern, haufenweise Schutt, Sand und Geröll kann ich allerdings beim besten Willen keine freigelegten Mauern geschweige denn Ruinen einer mittelalterlichen Festung erkennen. Ja, ja, ich weiß, als Gelegenheitsarchäologin bin ich wohl nicht gerade geeignet, denn ich habe nicht den Hauch einer Ahnung.

Ein verstohlener Bildabgleich bei Google führt mich schnell auf die richtige Spur und ich muss erkennen: Ich stehe bereits mitten im Burggraben. Tatsächlich ist das Schmuckstück Buckton Castle oder besser dessen Grundfesten tief im Erdreich verborgen. Im deutschen Fachjargon nennt man sowas einen „Burgstall“ oder auch eine „abgegangene Burg„. Die Überbleibsel von Buckton Castle liegen nämlich versteckt unter Gräsern, Torf und feuchter Erde und der ovale Grundriss der Anlage ist nur noch aus der Luft zu erkennen. Auch wenn ich gehofft hatte, durch jahrhundertealte Gemäuer zu wandeln, bin ich ganz und gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil, meine Phantasie geht mit mir durch. Unter meinen Füßen schlummert eine der ältesten Festungen im Norwesten Englands und ich grabe mich neugierig in seine Geschichte vor.

Die ersten nordenglischen Burgbefestigungen entstanden im Zuge der normannischen Eroberung im 11. Jahrhundert. Diese frühen Exemplare waren allerdings noch wenig imposant. Meist handelte es sich um hölzerne Turmanlagen, die auf einer künstlichen Erdaufschüttung errichtet wurden, einer sogenannten Motte. Bislang sind 83 Burgen für den Westen Nordenglands belegt. Die größte Dichte weisen sie an der englisch-walisischen sowie der schottisch-englischen Grenze auf. Sie fungierten zugleich als grundherrlicher Landsitz, Verwaltungszentren und als Verteidigungsanlagen. Die frühen Burganlagen wurden als Teil der Eroberung der Region durch die Normanen strategisch positioniert und entsprechend besetzt. Außerdem dienten sie der Bewachung von Wegen und Flussüberquerungen.

Im 12. und 13. Jahrhundert wurden Burganlagen zunehmend aus Stein gebaut bzw. auf den ehemaligen Holzkonstruktionen neu errichtet. Auch Buckton Castle datiert aus dieser Zeit. Im Mittelalter lag die Burg am östlichen Ende der Grafschaft Cheshire, die westlich an Wales grenzt. Als wahrscheinlichste Erbauer gelten daher die damals in dieser Region herrschenden Earls von Chester – wohlhabende und einflussreiche Landesherren, die über Grundbesitz in über 20 Counties verfügten.

Die exponierte Lage der Burg auf einem felsigen Gipfel, 335 Meter über dem Meeresspiegel in einer damals kaum besiedelten und wirtschaftlich armen Region ist für englische Burgen eher ungewöhnlich. Die Anlage war zweifellos weithin sichtbar, aber mit ihren 720 Quadratmetern eigentlich viel zu klein, um repräsentativen Zwecken zu dienen. Dennoch wurde Buckton Castle aus Stein errichtet, ein für damalige Verhältnisse sehr kostenintensives Unterfangen, für das zudem versierte Handwerker und Fachkräfte benötigt wurden. Allein für die 2.4 Meter dicke Ringmauer benötigte man möglicherweise 1.037 Kubikmeter Stein. Ein etwa 10 Meter breiter Graben, der in das Felsgestein hineingeschnitten wurde, umgab die Burg auf allen Seiten, außer im Südwesten, wo der natürliche Hang des Hügels dies unnötig machte.

Ausgrabungen haben gezeigt, dass die Burg zudem durch eine 2,8 Meter dicke Sandsteinmauer umschlossen war. In den Innenhof gelangte man durch ein Torhaus in der nordwestlichen Ecke. Obwohl Buckton Castle nicht an einer Hauptstraße gelegen war, hat es Reisenden mit Sicherheit als markantes und weithin sichtbares Wahrzeichen angekündigt, dass sie nun das Territorium der Grafen von Chester durchquerten.

Doch Buckton Castle sollte nicht lange überleben und wurde vermutlich im Zuge politischer Unruhen und wachsender Bedeutungslosigkeit kurz nach ihrer Erbauung schon wieder geschleift. Bereits im Jahr 1360 waren von der kleinen Höhenburg nur noch Ruinen übrig. Im 18. Jahrhundert geriet die Burg ins Visier von Schatzjägern. Ein angeblicher Fund mehrerer Schmuckstücke hatte Gerüchte aufkommen lassen, dass auf dem Burggelände wertvolle Silber-und Goldartefakte vergraben seien. Neugierig gewordene Bewohner aus den umgebenden Dörfern machten sich mit Schaufeln und Spitzhacken daran, den Boden rund um die Burg aufzugraben und zerstörten dabei so einiges. Die Spuren dieser erfolglosen Plünderungsgrabungen haben sich wie Pockennarben tief in die Landschaft gegraben.

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Buckton Castle liegt hier direkt unter meinen Füßen.

Die im Zuge der Romantik auflebende Rückbesinnung auf die lokale Historie führte dazu, dass nun auch Antiquare und Hobbyhistoriker auf die Burg aufmerksam wurden. Sie zeichneten zahlreiche Pläne und versuchten die ursprüngliche Gestalt der Anlage zu rekonstruieren. Die Bemühungen um die Erforschung der Burg setzten sich bis ins 20. Jahrhundert fort. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Buckton Castle zeitweise als vorgetäuschte Flugabwehrstellung zur Bombenabwehr für die Stadtregion Manchester genutzt.

Erst die archäologischen Ausgrabungen der Uni Salford, die zwischen 2007 und 2010  auf dem Gelände stattfanden lieferten schließlich genauere Erkenntnisse über die ursprüngliche Gestalt der Burg. Inzwischen ist auch die Grabungsstätte überwachsen und die Natur hat sich zurückgeholt, was ihr gehört.

Während ich die Faszination für diesen Ort mit allen Sinnen genieße, kreuz und quer über den ehemaligen Burghof stapfe und mich hier und da niederhocke und Stein für Stein umdrehe, rauscht die Zeit wieder viel zu schnell davon. An einem sonnigen Samstag wie diesem möchte ich ungern erst am späten Nachmittag im Regionalzug sitzen, der den Ail Trail abfährt, eine zuggebundene Biermeile, auf der sich sturzbesoffene Briten die Kante geben.

Als ich ins Tal hinabsteige, treffe ich auf einen englischen Wanderer in fescher Outdoorkluft, der mich stark an eine verblasste Version des schniecken Sean Penn erinnert. Und da mir das hier in Yorkshire nicht alle Tage passiert, halte ich ihn an und frage ihn, ob er mir irgendetwas über diesen Ort und die Burg erzählen kann. Doch statt einer charmanten Einführung in die Lokalgeschichte erhaschen meine Ohren nur ein schnaufendes Kauderwelsch in einem breiten Akzent, den ich weder einordnen noch richtig verstehen kann. Zufälligerweise ist „Seans“ Mutter Archäologin und war an den Grabungen rund um Buckton Castle beteiligt. „Wenn du da ein bisschen mitgraben willst, dann melde dich bei ihr“, rät er mir und grinst wie ein Teenager. „Also, so weit würde ich nun nicht gehen“, wehre ich das freundliche Angebot ab und denke dabei verstohlen an den kleinen Sandstein, den ich wie ein Grabräuber kurz zuvor heimlich in meinem Ruckstack verschwinden ließ. Als seine müde Frau prustend am Hang erscheint, verpufft mein Interesse fürs Erste und ich verabschiede mich fix von meiner prominenten Entdeckung, deren Augen ich hinter den dunklen Gläsern der Sonnenbrille eh nicht sehen kann.

Beschwingt trete ich den Heimweg an, fest entschlossen, noch mehr über die mysteriöse, versunkene Burg herauszufinden. Buckton Castle, das kleine Atlantis von West Yorkshire, von dem noch immer niemand mit Sicherheit sagen kann, wie es wirklich ausgesehen hat und wer dort ein und ausgegangen ist, fesselt mich.  Als ich im Zug zwischen einer Horde lallender Junggesellen Platz nehme und in mein kleines Dorf zurückfahre, hängen meine Gedanken noch in ganz anderen Sphären fest, sodass ich die grölenden Passagiere um mich herum kaum bemerke.

Details zur Route findest du hier:

https://www.komoot.com/tour/57158393?ref=wtd

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6 Gedanken zu “Das kleine Atlantis von West Yorkshire – Buckton Castle

  1. Ein sehr interessanter Artikel! Ich hatte allerdings Probleme, die Burg auf der Karte zu finden. Der riesige Steinbruch lenkt ab!
    Es ist ein wenig tröstend, dass auch andere Probleme haben, wichtige archäologische Stätten zu erkennen. Wir sind auch schon manches Mal blöd herumgelaufen, auf der Suche nach Grabhühgeln, Mottes, Gräben oder römischen Straßen … Trotzdem haben solche Orte irgendwie eine ganz besondere Ausstrahlung, auch wenn nur noch wenig von den Gemäuern erhalten ist.

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    • Oh, da bin ich aber erleichtert, dass es euch auch so geht. Mir war das sogar vor mir selbst peinlich, dass ich diesen riesigen Steinbruch tatsächlich für eine Ausgrabungsstätte hielt. Zum Glück gab es keine Zeugen dafür :)! Ich finde auch, dass allein das Wissen ausreicht, dass diese Orte mal eine bestimmte Bedeutung gehabt haben, um ihnen diese gewisse Aura zu verleihen. Ich bin so vernarrt in diese unglaubliche Historie um mich herum, dass ich am liebsten jedes Detail festhalten würde. Eines Tages, so stelle ich mir das idealerweise vor, will ich auch mal durch die Landschaft streifen und auf dies und das zeigen können und erklären können, wo wer einst was gebaut bzw. getrieben hat, warum ein Hügel so und nicht anders aussieht und ein Feld da und nicht dort aufhört, wo ein Stammesfürst begraben liegt, na ja eben solche Dinge. Ich möchte mal eine richtige Landschaftsspurenleserin werden mit wehendem schlohweißem Haar und einem wissenden, schelmischen Schmunzeln im Gesicht. Weit bin ich mit diesem Vorhaben allerdings noch nicht gekommen. Am Ende wird wohl nur der Teil mit den weißen Haaren in Erfüllung gehen :).

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  2. Liebe Steffi, ich habe begonnen deine beiden Bücher zu lesen und finde deinen Schreibstil wirklich toll! Du schaffst es sofort, mich mit an die Orte mitzunehmen, die du bereist . Meine Begeisterung könnte daran liegen, dass ich wie Du ein großer England-Fan bin (Kopflos auf dem Pennine Way finde ich super – erinnert mich an „Allein unter Bären“), aber auch Risse im Asphalt finde ich toll – und ich habe keinen besonderen Bezug zu Berlin. Ich freue mich über deine Beiträge und schreibe dir bald die Rezensionen! Grüß mir Yorkshire – ich war 1994 drei Monate in Leeds!

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    • Liebe Birgit, genau das war der Plan. Ich nehme euch alle mit auf Wanderschaft. So soll es sein. Ich freue mich so über dein Lob zu meinen Büchern und danke dir ganz lieb für deine Rezensionen! Ja also wenn ich dich sogar an den guten alten Bill Bryson erinnere, dann ist das ein großes Kompliment, denn ich bin ein großer Fan seiner Bücher. Witzigerweise wollte ich ja ursprünglich sogar den Apalachian Trail laufen. Der Pennine Way ist ja sozusagen der kleine Bruder dieses Fernwanderwegs, und kann durchaus mit den Strapazen mithalten, auch wenn er etwas kürzer ist und eindeutig weniger Bäume im Weg sind ;). Der Titel hätte passenderweise auch „Allein unter Schafen“ lauten können, denn die sind definitiv immer dabei. Ich grüße Yorkshire und das wunderbare Leeds von dir! Eine tolle Stadt! Seit 1994 hat sich bestimmt auch einiges verändert, vielleicht wird es Zeit für einen Erinnerungsbesuch :)?

      Viele liebe Grüße
      Steffi

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  3. Hallo Steffi
    Danke, dass du mich mitgenommen hast duch die wunderschöne Landschaft. Bin mit dir durch die Felder gewandert, dem Wasser entlang, über die steinigen Wege und vor allem habe ich mir dir über das weite Land schauen dürfen. Das hat vielleicht gutgetan! Eine Weile in meinem geliebten England zu verweilen hat den trüben Sonntag heller gemacht. Schön, dass du mit uns ein Teil deines Lebens teilst.

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