Auf den Spuren der Druiden – Das Geheimnis der Rocking Stones

Noch immer knabbere ich schwer daran, dass meine Wahlheimat Großbritannien schon bald die EU verlassen wird und das mit vorraussichtlich

fatalen Folgen, die schwer abschätzbar sind. Dennoch, der Brexit hat meine Liebe zu Nordengland kein bisschen geschmälert. Nach wie vor lebe ich gern in diesem Land und ich weigere mich standhaft, Gram und Bitterkeit einziehen zu lassen. Für mich ist jetzt inmitten der Ungewissheit die perfekte Zeit, mich zurückzubesinnen auf die tiefe Verbundenheit mit diesem Landstrich, die ungebrochen ist.

Gerade in einer Zeit, die beängstigend und unsicher wirkt, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass jede Veränderung, so einschneidend sie auch sein mag, immer auch eine Chance ist, sich neu auszurichten. Als ich vor mehr als vier Jahren nach England gezogen bin, habe ich mir fest geschworen, dass ich mich niemals an das Leben auf der Insel gewöhnen will. Denn aus der Gewohnheit erwächst irgendwann Belanglosigkeit, gefolgt von Langeweile. Ich will mich nicht an England gewöhnen. Ich will, dass es mich herausfordert, unbequem ist, mich überrascht und piesackt, und jeden Tag neu entdecken lässt, warum ich gerade hier so glücklich bin.

Ich lasse diesem Land also die Wahl, zu sein wie es will und ziehe wieder hinaus in die Hügel – unbeschwert und frei. Die Landschaft, in der ich lebe, steckt voller Legenden und erzählt faszinierende Geschichten. Darum bin ich hier. Ich will mich nicht in der Gegenwart vergraben, ich will nach Spuren suchen, Verborgenes entdecken, eindringen in eine uralte Welt, in der allein der Wandel beständig ist.

Ich lege den Trauerschmuck ab und setze den Fuß aus der Tür. Der Pfad führt quer über abgegraste Schafsweiden und wacklige Zäune immer höher auf grasige Anhöhen hinauf. Unter mir erstreckt sich ein schimmerndes Panorama aus Sandsteinhäuschen und sanft geschwungenen Hügelkuppen. Um mich herum flimmert Wintersonne bis zum Horizont. Ein eisiger Wind dröhnt in meinen Ohren, während ich Hügel um Hügel ersteige. Meine Sinne sind geschärft, mein Blick ruht auf der Karte in meiner Hand.

Ich bin auf der Suche nach einem Ort, den die Druiden einst als heilige Stätte verehrten. Es ist die Silhouette von Rocking Stone Hill, die plötzlich vor mir auftaucht und mich anzieht wie ein urmächtiger Sog. An der Grenze zwischen den Dörfern Golcar und Slaithwaite in Huddersfield thronte auf diesem Hügel einst ein riesiger Felsbrocken – drei Meter lang, 2,7 Meter breit, 1,5 Meter dick und ganze 18 Tonnen schwer. Der Steinkoloss wurde damals auch als Holy Stone bezeichnet, denn er war kein gewöhnlicher Felsen. Er war ein sogenannter Rocking Stone. Sein gesamtes Gewicht ruhte auf einem sehr kleinen Zentrum, sodass ein einzelner Mensch ihn zum Schaukeln bringen konnte. Die speziellen Felsformationen der Rocking Stones entstanden durch Erosion und Gletscherbewegungen und sind in ganz Großbritannien vorhanden. Manche von ihnen sind aber auch menschengemachte Megalithen, indem die darunterliegenden Steine weggemeißelt wurden, um den schaukelnden Effekt zu erzielen.

Der Rocking Stone bei Golcar. Zeichnung von John Watson, 1775.

Der Kleriker und Antiquar John Watson hatte den sagenumwobenen Felsen erstmals in seinem Buch „The History and Antiquities of the Parish of Halifax“ im Jahr 1775 beschrieben. Er nahm an, dass es sich dabei um ein Relikt aus druidischer Vorzeit handelte.

Immer noch ein magischer Ort: Rocking Stone Hill in Huddersfield.

Die Druiden waren einflussreiche spirituelle Würdenträger der Kelten, die über ein umfassendes naturwissenschaftliches, medizinisches und philosophisches Gelehrtenwissen verfügten. Der Bilderbuchdruide Miraculix aus dem Comic Asterix und Obelix ist vielleicht gar nicht mal so weit hergeholt. Heidnische Opferkulte, Heiltinkturen und magische Zaubertränke gehörten vermutlich durchaus zum Druidenalltag. Dennoch waren die spirituellen Führer der Kelten keineswegs seltsame Sonderlinge, sondern auch bei politischen und stammesinternen Entscheidungen gefragte Berater.

So stellte man sich die Druiden im 19. Jahrhundert vor.

Ähnlich wie Steinkreise waren Rocking Stones vermutlich ein zentraler Bestandteil druidischer Zeremonien. Manche Forscher nehmen an, sie hätten als eine Art Medium der Rechtssprechung fungiert, wobei Angeklagte auf dem Stein platziert wurden und je nachdem wie sich der Stein bewegte, wurde ein Schuldurteil gefällt. Die Beweglichkeit des Felsen bot im Laufe der Zeit immer wieder Anlass für Spekulationen. Schließlich machten sich einige Steinmetze daran, sein Geheimnis endgültig zu ergründen. Nach und nach hackten sie Bruchstücke aus dem Felsen und brachten ihn schließlich zum Kippen, mit dem Ergebnis, dass er fortan nicht mehr bewegt werden konnte. Im Zuge von Steinbrucharbeiten wurde der Stein 1886 vollständig zerstört. Auch die zwei nahegelegenen Steinkreise, von denen man annimmt, sie hätten in einer spirituellen Verbindung zu dem Felsen gestanden, existieren seit 200 Jahren nicht mehr.

Die Silhouette von Rocking Stone Hill.

Auch wenn die sichtbaren Zeugnisse verschwunden sind, sind der Hügel und das umgebende Land noch immer von einer mystischen Aura umgeben. Allein der Gedanke, dass hier oben einst keltische Priester mit langen weißen Bärten in geisterhaften Gewändern umherwandelten und ihre Zauberformeln murmelten, lässt mich in Erstaunen verharren. Während ich mich hier so umsehe und die phänomenale Aussicht genieße, verstehe ich ganz und gar, dass dies ein heiliger, bedeutsamer Ort gewesen sein muss. Auf meiner Liste der spektakulären Entdeckungen rutscht Rocking Stone Hill gleich mal auf einen der oberen Ränge.

Und hier noch ein erstaunlicher Fakt: Seit 2010 ist das Druidentum in Großbritannien tatsächlich eine anerkannte Religion, die heute von etwa 10.000 Menschen praktiziert wird.

Details zur Route findest du hier:

https://www.komoot.com/tour/t56550055?ref=atd

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2 Gedanken zu “Auf den Spuren der Druiden – Das Geheimnis der Rocking Stones

  1. Vielen Dank für die kleine Geschichtsstunde. Ich kann verstehen, warum du dich in diese Gegend verliebt hast. Mir scheint, egal wo man hinsieht hat die Gegend etwas Malerisches. Und der Lebensweg den du gewählt hast ist ungewöhnlich. Die meisten Menschen bevorzugen Sicherheit durch Routine und wenn mal etwas ungeplantes geschieht, dann bricht eine Krise aus. Anders bei dir. Du gehst so cool mit dem Brexit und seinen (leider absehbaren) Folgen um. Statt den Kopf zu verlieren, genießt du einfach das Leben mit all seinen Seiten. Aus allem eine Kraft zu ziehen, ist ein seltenes Talent um das ich dich auf jeden Fall beneide. Ich war schon zu feige auszuwandern. 😀 Es stand irgendwann mal auf dem Plan ist aber ob der abzusehenden Schwierigkeiten ganz schnell wieder davon verschwunden. Ich finden Menschen wie dich inspirierend. Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst.

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    • Lieber Micha,
      herzlichen Dank für deine lieben, anerkennenden Worte und die Zeit, die du dir nimmst, um meinen Blog zu lesen. Natürlich habe ich auch ganz viele Tage, an denen ich Unsicherheit und Angst verspüre, aber ich ziehe einfach sehr viel Kraft aus der unglaublich schönen Umgebung und dem warmen Umfeld, in dem ich lebe. Das erleichtert Vieles. Außerdem hilft es mir sicher auch, dass ich bereits seit zehn Jahren selbstständig bin und inzwischen ganz gut geübt darin bin, existenzielle Unsicherheiten zu überstehen. Am Ende findet sich immer ein Weg, auch wenn es oft nicht danach aussieht. Als ich nach England gezogen bin habe ich tatsächlich überhaupt nicht groß darüber nachgedacht, was auch dem Umstand geschuldet war, dass ich durch die Verliebtheit in meinen englischen Partner natürlich ziemlich unbeschwert und abenteuerlustig war. Ich habe in dieser Zeit tatsächlich kaum wirklich ernsthaft über die Konsequenzen nachgedacht, sondern sprudelte so über, dass ich einfach mich drauf eingelassen habe. Ich denke nicht, dass Auswandern etwas mit Mut oder Feigheit zu tun hat. Vor allem braucht man Zuversicht und sicher auch eine große Prise Blauäugigkeit, aus der man schnell lernt, die einem aber auch dabei hilft, Dinge aus dem Bauch heraus zu wagen, die der Verstand vermutlich nicht gutheißen würde. Selbst wenn das ganze Unternehmen Auswanderung schief läuft, ist das auch kein Weltuntergang und schon gar kein Grund, sich auf immer und ewig zu grämen. Meine Devise ist daher oft: „Nicht zu lange drüber nachdenken, sondern einfach machen.“ Nichts ist hundertprozentig sicher, aber die Chance ist generell vorhanden, dass alles gut geht. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Routine ist auch bei mir sehr hoch und ich finde es wichtig, aber oft engt es eben auch unnötig ein. Eine gute Balance zu finden zwischen Loslassen und Festhalten, das wäre optimal. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute bei all deinen Vorhaben, auch wenn es erst einmal keine Auswanderung ist. Feige finde ich das ganz und gar nicht. Du hast diese Entscheidung sicher gut abgewogen und das ist doch sehr verständlich. Alles Liebe von der Insel Steffi

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