Sanfte Klänge, die verzaubern – Der Musiker Mike Harper

Als ich vor vier Jahren nach Yorkshire zog, war meine größte Angst, dass ich sozial etwas vereinsamen würde, weil ich natürlich außer meinem Mann und seiner Familie kaum jemanden kannte. Also beschloss ich, gleich von vornherein ein paar Maßnahmen zu ergreifen, die mir mein neues Leben in der Hinsicht etwas erleichtern würden. Hierzu gehört eine App, die sich Meet-up nennt und die Menschen mit ähnlichen Interessen oder Hobbies zusammenbringt. Man trifft sich regelmäßig mit Gleichgesinnten auf ein Schwätzchen in der Bar, geht zusammen wandern oder besucht Veranstaltungen. Dabei treffen mitunter sehr unterschiedliche Charaktere und Nationalitäten aufeinander, die ein buntes, lebendiges Potpourri ergeben. Mitunter trifft man auch auf äußerst kreative Menschen.

So habe ich in meiner deutschen Meet-up-Gruppe Mike Harper kennengelernt, einen sympathischen Engländer, der nicht nur ein wirklich tolles Deutsch spricht, sondern auch noch musikalisch einiges drauf hat. Überzeugen konnte ich mich davon bei einem der vielen Open-Mic-Abende, die rund um das Jahr in Pubs und Bars stattfinden. Im Northern Quarter, einer charmanten kleinen Bar in Huddersfield bieten Laienmusiker auf einer kleinen Bühne immer donnerstags, meist in gedämmter Abendbeleuchtung, mit Herzblut ihre Passion dar. Die Sparten sind vielfältig, reichen von geschmeidigem Folk bis hin zu rockigen Klängen. Dabei reicht die Qualität der Darbietungen durchaus an professionelle Musiker heran. Die Talente sind weit gestreut, sodass einem oft der Mund offen steht vor Begeisterung und die Füße im Takt auf und ab wippen.

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Mike mit seinem Lieblingsinstrument kurz vor seinem Auftritt.

Das Schöne daran ist, dass sich die Musiker untereinander kennen, sich gegenseitig unterstützen und auch ein äußerst angenehmes Publikum sehr dabei hilft, das Lampenfieber im Zaum zu halten. Ich habe kurzzeitig sogar selbst überlegt, auf die Bühne zu springen, mich aber zum Glück doch noch zusammenreißen können, denn ich höre zwar gern Musik, bin aber selbst leider höchst unmusikalisch. An diesem Abend ist unsere deutsche Meet-up Gruppe aber nicht nur zum Schunkeln angetreten, sondern vor allem als Backup für unseren Mike.

Als er auf der Bühne Platz nimmt, die Gitarre auf dem Schoß und ein leicht verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht, fühle ich mich auf Anhieb wohl und auch ganz schön stolz. Ganz sachte erklingt eine mir unbekannte Melodie und eine sanfte Stimme hallt durch den Raum, die eine unglaubliche Wärme verbreitet. Ich bin sofort eingenommen von den beruhigenden, bisweilen mythisch anmutenden Klängen, die mich auf eine tiefe Weise berühren. Ich merke wie sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln formen, das ich auch bei den nächsten Songs nicht mehr aus dem Gesicht bekomme.

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Sanfte Folk-Klänge gehören zu Mikes Spezialitäten./©marcgallaghermusic

Als Mike von der Bühne geht, frage ich ihn, ob er Lust hat auf ein Interview auf meinem Blog, denn ich finde, dass sein Talent unbedingt in meine Sparte „Yorkshires Kreative Köpfe“ gehört und ich will ihn gern unterstützen, nicht nur, weil er ein unglaublich warmherziger, offener Mensch ist, sondern weil er das Talent hat, dies auch durch seine Musik zu verkörpern und die Augen für die Reinheit und Schönheit der Dinge durch die Musik zu öffnen.

Für alle, die sich wie ich davon verzaubern lassen wollen, hier findet ihr Mikes SoundCloud-Seite: https://soundcloud.com/mcharper-1/tracks

Lassen wir aber den Künstler nun selbst zu Wort kommen:

Lieber Mike, erzähle uns doch kurz etwas zu deinem biografischen Hintergrund.

„Ich stamme aus West Yorkshire und fühle mich hier in der vielfältigen Landschaft unter meinen freimütigen und meist freundlichen Mitmenschen am wohlsten, obwohl ich auch in London, Deutschland und der Schweiz gelebt habe. In meiner Kindheit war ich stets von der Musik umgeben. Meine Eltern und ältere Schwester spielten Klavier, und ab zwölf Jahren fing ich auch an, nach Gehör zu spielen. In der Zwischenzeit war ich mit meiner eigenen Familie und mit meinem Beruf beschäftigt, und hatte leider wenig Zeit für die Musik. Ich habe meine erste Liebe im mittleren Alter wiedergefunden.“

Wie kamst du zur Musik, was hat dich inspiriert?

„Ich hatte keine Lust, selber zu spielen, bis ich mit zwölf einmal die wunderschöne „Mondscheinsonata“ zufällig hörte, was mich bewegt hat, nach Gehör Klavier zu spielen. Als ich siebzehn war, habe ich mich in die Stahlsaitengitarre verliebt, als ich eine Folk-Musikgruppe hörte. Ich habe meine ganzen Ersparnisse verbraucht, um eine solche Gitarre von einer Mitschülerin zu kaufen. Der Anlass war immer, dass ich etwas erlauscht habe, was mir sehr gefallen hat.“

Was bedeutet dir die Musik? Wer sind deine musikalischen Vorbilder?

„Neben meinen Eltern war ein Lehrer ein wichtiges Vorbild. Er hatte seine eigene Folk-Gruppe.  Später hat mich mein Freund John McGough inspiriert, Saxofon zu lernen, als er seinen Hals brach. Er blieb immer positiv und nutzte die „Gelegenheit“ seiner Genesungszeit, seinen Traum zu erfüllen, und das Instrument zu meistern.

John sagte immer: „Die Musik wäscht den Staub des Alltags von unseren Füßen“. Musik ist für mich ein wichtiger Trost. Es war immer so, besonders auf der emotionalen Achterbahn der Adoleszenz. Musik lindert alle Schmerzen. Es bringt die Menschen auch zusammen.“

Was ist dein Lieblingssong, und warum?

„Das ist sehr schwierig zu sagen. Kandidaten sind Perfect Day (Lou Reed), So Far Away (Carole King), Somewhere Over the Rainbow (Cover von Israel Kamakawiwoʻole). Das hat damit zu tun, dass sie ihre emotionale Botschaft unterschwellig liefern, die dadurch gestärkt wird. Aber ich entdecke jeden Tag in SoundCloud wunderschöne Musik.“

Was ist dein Lieblingsinstrument und warum?

„Die akustische Stahlsaitengitarre wäre mein Lieblingsinstrument, wenn ich wählen müsste. Sie klingt schön, klar und harmonisch. Eine Gitarre ist auch ein persönliches, fassbares Einzelwesen, das man  beim Spielen umarmt.“

Wo trittst du am liebsten auf und warum?

„Ich trete am liebsten beim Open Mic im Northern Quarter in Huddersfield auf. Die Stimmung ist immer gemütlich und ermutigend, die Gastgeber freundlich. Die Musik ist schön und vielfältig. Man trifft öfters die gleichen Leute auf der Bühne. Wir sind eine freundliche Gemeinschaft, wir verstehen einander.“

Wie gehst du mit Lampenfieber um?

„Ich habe erst in mittlerem Alter angefangen, Musik vorzutragen. Am Anfang war ich sehr nervös, aber gleichzeitig aufgeregt. Man meint, dass jeder sieht, wie die Stimme und die Finger zittern. Man lernt, diese körperlichen Wirkungen unbeachtet zu lassen, dadurch verlieren sie ihre Kraft.“

Was würdest du gern mit deiner Musik erreichen?

„Am Anfang wollte ich einfach ein Instrument spielen können. Ich habe in mittlerem Alter sogar Prüfungen gemacht. Später habe ich aber entdeckt, dass die größte Freude darin besteht, eigene Musik zu komponieren und mit anderen zu spielen. Das beste Gefühl ist, wenn man mit anderen ein Lied spielt, das man selber geschrieben hat. Ich bin wie andere Leute von dem normalen menschlichen Trieb bewegt, kreativ zu sein. Ich möchte mit gleichsinnigen Leute meinen kleinen Stempel aufs Leben aufdrücken.“

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