Auch ein Zuhause braucht Ecken und Kanten

An diesem Samstagmorgen überkommt es mich wieder, dieses brennende Verlangen auf den Beinen zu sein, nachdem ich die ganze Woche am Schreibtisch gesessen und viel zu viel Eiscreme in mich hineingestopft habe. Auch hier in Nordengland hatten wir in den letzten Wochen eine extreme Hitzewelle, die leider dazu führte, dass die Moore großflächig brannten, die grünen Hügel und die Pflanzkübel vor den Pubs immer gelblicher wurden und die Regierung kurz davor stand, ein Rasensprengerverbot auszusprechen. Zu allem Überfluss streikte dann auch noch die Müllabfuhr für etliche Wochen, sodass sich die Fliegen in den Tonnen rasant multiplizierten und unseren Katzen ganz schwindelig wurde, weil sie mit dem Jagen nicht mehr hinterherkamen. Die Lautsprecherdurchsagen an den Bahnhöfen bieten zwar immernoch keine hinreichenden Erklärungen für Zugausfälle, die sich mit Umstellung auf den Sommerfahrplan besorgniserrend häufen, weisen aber zumindest freundlich darauf hin, dass man sich bei dieser Hitze doch bitte vorsorglich eine Flasche Wasser mitnehmen sollte. Wie auch immer, inzwischen hat es sich leicht abgekühlt und bevor der englische Sommer wie jedes Jahr fast unbemerkt in den englischen Winter übergeht, ziehe ich nochmal los, um ein paar neue Wanderwege auszukundschaften.

Diesmal mache ich mich auf nach Honley Wood, einem der ältesten Waldgebiete Yorkshires, auf dessen 60 Hektar großer Fläche mächtige Eichen stehen und Reptilien durchs Gebüsch krauchen. Ein Blick auf meine Karte offenbart mir, dass mir ein mehrstündiger Marsch bevorsteht, also schlucke ich eine Magnesiumpille und packe mir noch schnell eine Banane und einen nicht mehr ganz so frischen Müsliriegel in den Rucksack. Ich kann übrigens die englischen Ordnance Survey Maps im Maßstab 1: 50 000 sehr empfehlen. Da ist einfach alles drauf abgebildet, der kleinste Busch, das minimalste Wasserloch. Diese Karten sind perfekt für ein verhindertes Navigationstalent wie mich. Da mein Engländer an diesem Wochenende bei einem Freund an der Südküste weilt, muss ich mich nur bei meinem Kater Petja abmelden, der mein Vorhaben allerdings mit einem ohrenbetäubenden Aufschrei missbilligt (meine Katze Tascha hingegen weiß, dass man auch mal etwas Zeit für sich braucht und lässt sich gar nicht erst blicken). Und so marschiere ich los durch die kühle Morgenluft.

Die ersten Meilen immer an einer vielbefahrenen Straße entlang, die wie so viele hier in Yorkshire ganz ohne Bordstein auskommen. Berührungsängste mit lokalen Bussen darf man hier keine haben. Die streifen einen auch nur ganz leicht… Heute bin ich mal ganz übermütig und begebe mich auf mehrere Seitenpfade, die mich über breite Kieswege an einem glitzernden Wasserspeicher namens Blackmoorfoot Reservoir entlangführen und dann hinauf auf  Meltham Cop, einen kleinen Hügel am Rande der Kleinstadt Meltham am äußersten Ausläufer des Peak Districts, über dem heute zahlreiche Saatkrähen kreisen. Zur Sicherheit behalte ich meine Karte fest in der Hand und jedes Mal, wenn ich einen Blick darauf werfe, fragt mich doch tatsächlich ein vorbeilaufender Wanderer besorgt, ob ich mich verirrt hätte. Nicht gerade schmeichelhaft, dass man hier scheinbar annimmt, ich könne keine Karte lesen, aber ich nehme es nicht allzu persönlich. Ich erkläre einfach schmunzelnd, dass ich mich einfach nicht entscheiden könne, wo ich langgehen will. Und irgendwie stimmt das auch. Als ich Meltham erreiche, beschließe ich, mich in einem hübschen kleinen Coffee Shop zur Pause niederzulassen.

Inzwischen sind bereits zwei Stunden vergangen und meine Blase drückt auch. Ungeduldig wie es meiner Natur eigen ist, lande ich jedoch nicht im idyllischen Landhauscafe, sondern im nächstbesten Morrisons-Supermarkt und gönne mir im Schnellrestaurant einen Milchkaffee und eine Apfeltasche zwischen kaffeeklatschenden Rentnern, die mich misstrauisch beäugen. Gestärkt geht es anschließend weiter durch den Stadtkern bis ich das Waldgebiet erreiche. Ich hatte befürchtet, dass das vielgepriesene Naherholungsgebiet an diesem Samstag überfüllt sein würde, aber als ich den schattigen Wald betrete, höre ich nichts weiter als knarrende Baumreihen und raschelndes Laub. Im gesamten Wald ist kein Schwein unterwegs.

Aus dem benachbarten Industriegebiet dringt unangenehmer Qualm herüber. Irgendein Fabrikant verbrennt wohl gerade seine letzten Abrechnungen. Bevor sich der Rauch in meiner Lunge ablagert, stapfe ich über knorriges Wurzelwerk vorbei an schlaksigen Silberbirken und Eichen mit verschlungenen Ästen. Ich ärgere mich über mein unpassendes Schuhwerk. Herabgefallenes Laub von Stechpalmen bohrt sich schmerzhaft in meine Sohlen, weil ich offene Sandalen trage. Hier und da raschelt es geheimnisvoll im dichten Buschwerk. Ein pummeliges Grauhörnchen rennt mich fast über den Haufen und hetzt dann wie aufgestachelt auf den nächstbesten Baum, um mich aus dem Schutz der Krone heraus ungeniert zu beobachten. Der Pfad windet sich in sanftem Auf und Ab durch den einsamen Wald.

Irgendwie ist es unheimlich, dass an diesem sonnigen Vormittag niemand hier spazieren geht. Als der Weg schmaler wird und das Astwerk über meinem Kopf niedriger und lichtundurchlässiger wird, wandelt sich meine unbeschwerte Stimmung in Beklemmung um. Meine Füße verkrampfen sich, während ich versuche, den stacheligen Bodenbelag zu umgehen. Dann schießt ein bohrender Krampf durch meine Zehen. Ich werfe meine Karte auf den Boden und lasse mich fallen. Verdammt nochmal! Jetzt hab ich die Nase gestrichen voll. Langsam richte ich mich auf, suche mir einen langen Ast, auf den ich mich stützen kann und marschiere missmutig nach Meltham zurück. Als ich Honley Woods hinter mir lasse, bin ich enttäuscht. Vermutlich mehr von mir selbst als von meinem Ausflugsziel. Ich bin jetzt vier Stunden unterwegs und habe kaum etwas getrunken. Vielleicht war Honley Woods aber auch wirklich nicht allzu aufregend. Die Atmosphäre in diesem Wald war jedenfalls eigenartig, fast düster und ich bin erleichtert, als die letzten Baumreihen hinter mir verschwinden.

Im Stadtzentrum lasse ich mich auf einer Bank nieder und denke nach. Jetzt wird mir klar, dass meine Wanderungen mich nicht immer zu spektakulären Zielen führen werden und können. Auch wenn ich von Yorkshire nach wie vor unglaublich verzaubert bin, so muss ich ja nicht gleich alles mögen. Was zählt ist, dass ich trotzdem losgehe und mir die Neugier auf neue Pfade bewahre, auch wenn sie manchmal in Gegenden führen, die weniger attraktiv sind, denn auch diese gehören hierhin. Sie vervollständigen den Ort erst, der jetzt mein Zuhause ist, verleihen ihm seine Ecken und Kanten. Mit dieser neuen Weisheit im Gepäck gebe ich mir schließlich einen Ruck und mache mich auf einen langen, sonnengetränkten Nachhauseweg…

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6 Gedanken zu “Auch ein Zuhause braucht Ecken und Kanten

    • Danke liebe Alexandra! Ja wirklich, die Karten sind spitze. Man muss sich wirklich sehr anstrengen, um sich damit zu verlaufen, oder aber sehr müde sein, was natürlich auch vorkommt, besonders wenn man die Zeit vergisst, weil das wandern so viel Freude bringt :).

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  1. Naja auf der Karte sah er ja ganz interessant aus, aber als ich da war, war es schon etwas seltsam. Manchmal ist die Atmosphäre vor Ort eben eine andere als man sich erhofft hatte. Jemand anderes hätte vermutlich urig Spaß in diesem Waldstück :).

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  2. Hey Steffi. Ganz ganz toller Blog, bin eben drauf gestoßen 🙂 Mit was machst du eigentlich deine Fotos? Sehen sehr schön aus, vor allem im Wald.

    Du musst mal schauen du hast oben irgendwie noch https-fehler, irgendwelche grafiken werden nicht richtig geladen. Hat mein Browser eben gemeckert.

    Liebe Grüße
    Marko

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    • Hallo Marko, herzlichen Dank für das Kompliment und den Hinweis zu den Grafiken! Meine Fotos mache ich ganz normal mit einem Smartphone. Irgendwann besorge ich mir mal eine richtige Kamera, aber für den Blog reicht es von der Qualität ganz gut aus.

      Viele liebe Grüße
      Steffi

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