Vom Glück des Draußenseins: Campingfreuden in den Derbyshire Dales

Als ich noch in Berlin gelebt habe, habe ich mir nie viel aus Camping gemacht. Das war mir alles immer ein wenig zu ungemütlich mit dem ganzen Krabbelgetier, dem unruhigen Schlaf, dem mäßigen Schutz vor

Wind und Wetter. Dass ich einmal eine begeisterte Zeltbewohnerin werden könnte, wäre mir damals nie in den Sinn gekommen. Aber mittlerweile ist es tatsächlich so, dass es mich magisch auf den Dachboden zieht, wo wir unser gesamtes Outdoor-Equipment lagern, sobald für englische Verhältnisse sommerliche Temperaturen herrschen (meist geht das bei etwa 13 Grad plus los).

Die Camping-Saison beginnt für uns in diesem Jahr mit einem ganz besonderen Ausflug in eine der bezauberndsten Gegenden des Peak Districts: die Derbyshire Dales. Der Begriff dale bezeichnet ein offenes Tal und wird gleichbedeutend mit dem Wort valley vor allem in Nordengland und den schottischen Lowlands verwendet.

Ein guter Freund meines Engländers hat über Facebook ein nettes Grüppchen von ebenfalls campingbegeisterten Briten zusammengetrommelt, mit denen wir ein verlängertes Wochenende auf einer großzügigen Rasenfläche zwischen sanft auf- und absteigenden Hügelketten und leuchtenden Butterblumenfeldern verbringen.
Nun war ich schon auf so vielen englischen Zeltplätzen unterwegs, dass ich meine, ganz genau zu wissen, was mich an einem Bank-Holiday-Wochenende wie diesem erwartet. Ein überfüllter Zeltplatz mit kläffenden Hunden, angeheiterten Sonnenhutträgern und lärmenden Kindern. Doch Mandale Campsite, das unweit des Örtchens Bakewell liegt, ist tatsächlich anders. Ja ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass es vermutlich einer der schönsten und friedvollsten Orte ist, an denen man sein Zelt aufschlagen kann. Zudem ist es der erste britische Zeltplatz, an dem die Toiletten mal nicht mittels eines Geheimcodes verriegelt sind. Bisher hatte man mir an der Rezeption immer einen kleinen Zettel ausgehändigt, auf dem mindestens drei verschiedene Geheimnummern standen, eine fürs Klo, eine für den Duschbereich und eine für den Trockenraum. Jedes Mal habe ich mir nachts mit voller Blase einen Wolf gesucht, weil ich im stockfinsteren Zelt den Zettel einfach nicht finden konnte. Nein, hier in Derbyshire ist das anders. Freier Toilettenzugang für jedermann. Allerdings sind die gleich einen ganzen Tagesmarsch von unserem Rasenstück entfernt. Es gibt halt immer einen Haken.


Egal, kaum sind wir angekommen (nachdem wir dank meiner Navigationskünste versehentlich bereits bei einem anderen Zeltplatz eingecheckt haben), widmen wir uns begeistert dem Aufbau unseres Zweimann-Zeltes. Wie von Zauberhand gleitet das Gestänge in die vorgesehenen Öffnungen. Alles flutscht. So muss das sein. Wenig später ist bereits eine ganze Stadt aus großen und kleinen Behausungen um uns herum gewachsen. Klappstühle und Grillzubehör gesellen sich dazu und kaum ist alles zum lauschigen Kennenlernplausch versammelt, da zischen auch schon die ersten Spirituosen-Büchsen. Die Sonne brennt ungewöhnlich heiß auf der noch wenig vorgebräunten Haut. Es riecht nach frischgemähtem Heu und über unseren Köpfen schwirrt und summt es unentwegt. Der Sommer ist da! Zeit, das Leben wieder nach draußen zu verlegen.


Der Abend plätschert in gemütlicher Runde voran, und als wir uns weit nach Mitternacht in unsere Schlafsäcke verkrauchen, überkommt uns ein wohliger Schlummer. Auch wenn unter manchen Planen leises Schnarchen hervordringt, in dieser Nacht schlafe ich ungewohnt friedvoll und friere auch nur ein ganz kleines bisschen.
Am nächsten Morgen, den wir ganz englisch mit Bohnen und Speck zelebrieren, (ja, auch auf dem Zeltplatz verzichtet der Engländer nicht auf sein deftiges Frühstück) bemerken wir erst so richtig, wo wir hier überhaupt gelandet sind. Die Derbyshire Dales sind nicht nur ein idyllisches Fleckchen zum Ausspannen und Wohlfühlen, sie bieten auch viele abwechslungsreiche Wanderrouten und spannende Orte, die entdeckt werden wollen. So begeben wir uns an diesem Samstagmorgen ausgeruht und voller Tatendrang auf einen Sechs-Kilometer-Marsch am Fluss Wye entlang, in dem sich Regenbogenforellen tummeln, dann quer über schmetterlingsbestückte Sommerwiesen und saftig grüne Schafsweiden, bis wir das ungewöhnlich hübsche Markt-Städtchen Bakewell erreichen.


Die vermutlich auf eine angelsächsische Siedlung zurückgehende Gemeinde zählt gerade einmal um die 4000 Einwohner. Bakewell erlangte jedoch landesweite Berühmtheit, denn hierher stammen die berühmten Bakewell-Puddingtörtchen, eine Art marmeladengefüllte Pastetchen, nach denen die Engländer ganz verrückt zu sein scheinen. Dieses eigenartige Gebäck verdankt sich der Legende nach einem Missverständnis. So soll die Landlady des Rutland Arms, einem Pub im Zentrum Bakewells ihrem Koch um 1880 eine Notiz hinterlassen haben, auf der sie ihn aufforderte, eine Erdbeertorte zu backen. Doch der gute Herr schien an jenem Tag etwas neben der Spur gestanden zu haben, denn anstatt die Mixtur aus Eiern, Zucker, Mandeln und Butter unter den Teig zu mischen, kippte er sie einfach über die Marmelade. Diese Panscherei muss den Gästen jedoch derart gemundet haben, dass daraus bald ein äußerst beliebtes Gericht wurde. Noch heute beanspruchen gleich mehrere Bäckereien in Bakewell die Erfindung des Küchleins für sich. Mir ist der Süßkram generell etwas zu klebrig und ich schwöre doch eher auf salzige Kost, zum Beispiel eine deftige Curry-Pastete.


Es ist generell unmöglich an diesem überfüllten Samstagmittag ein Plätzchen in einem der Biergärten zu ergattern, geschweige denn überhaupt eine Mahlzeit zu bestellen, da sich die Schlangen an den Pubtresen kilometerweit ziehen. Also entscheiden wir uns für einen Snack to go und flezen uns mitten in die mit Outdoor-und Süßwarenshops gespickte Fußgängerzone.

Da wir für den Abend eine Grillparty auf dem Zeltplatz geplant haben, machen wir uns am späten Nachmittag auf den Rückweg und probieren diesmal eine andere Route aus, die uns nicht nur durch eine Ansammlung knuffiger Lämmer hindurchführt, sondern auch bezaubernde Ausblicke auf Derbyshire bietet. Auf halber Strecke und ganz nach englischem Wandererbrauch machen wir an einem Pub im verschlafenen Dörfchen Lathkill Halt und gönnen uns ein paar anständige Erfrischungsdrinks. In England ist es übrigens üblich, dass man nicht nur den eigenen Drink an der Bar bestellt, sondern immer die ganze Runde, was sich in einer größeren Gruppe durchaus als Jongleursakt erweisen kann. In der Geselligkeit des Augenblicks trinke ich ein Glas Weißwein über den Durst und muss mich auf dem Rückweg zum Zeltplatz ganz schön zusammennehmen, um nicht kichernd im Straßengraben zurückzubleiben. Doch mit jedem Schritt werde ich wieder nüchterner und wir erreichen den Zeltplatz vollzählig.


Von der Wanderung ausgezehrt und mit knurrenden Mägen machen wir uns auf den Aufbau der Barbecues. Pärchenweise werden vom Einweg-Grill bis zum stylischen Open-Air-Rost sämtliche Gerätschaften auf der Wiese platziert. Kurz darauf brutzeln Würste, Champignons, Schaschlikspieße aller Coleur, ja sogar tote Oma-Scheiben (ein mir geläufigerer Name für Rotwurst) gemütlich vor sich hin. Die immer noch sonnige Abendluft wird erfüllt von rauchigem Nebel, zu dem sich bald ein lieblicher Soundtrack aus zischenden Bierdosen und klimpernden Wein- und Ginflaschen gesellt.

Bisher habe ich oft mit mir allein auf dem Zeltplatz gesessen, nach einem Tagesmarsch von mindestens 25 Kilometern, und in Gesellschaft von mümmelnden Schafen und Kühen lauwarme Tütengerichte in mich hineingeschaufelt. Dabei habe ich die Stille um mich herum genauso verflucht wie genossen. Ja, ich muss mich tatsächlich erst noch gewöhnen an das Draußensein inmitten so einer großen Gruppe, denn mir fehlt meine Rückzugsmöglichkeit, das unbeteiligte Lauschen, die Einfachheit des Mit-sich-selbst-Seins und das Loslassen von allen Bindungen, das Nichts-Erwidern-Müssen. Das alles sind Dinge, in die ich automatisch zurückfalle, sobald ich draußen bin. Doch die Menschen um mich herum sind ausnahmslos liebenswert, verständnisvoll und herzlich. Ich fühle mich wohl in ihrer Gesellschaft. Nur manchmal, für einen kurzen Augenblick fühlt es sich seltsam an, weil ich in einem anderen Land aufgewachsen bin und noch nicht alle Worte und Referenzen verstehen kann, aber so ist das eben, ich bin nun mal mit Herz und Seele Berlinerin, auch wenn ich mittlerweile mehr hier als dort zu Hause bin.

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Und hier liegt der idyllische Zeltplatz von Mandale:

4 Gedanken zu “Vom Glück des Draußenseins: Campingfreuden in den Derbyshire Dales

  1. Hallo Steffi, immer wieder schön zu lesen. Ich erkenne mich in einigen deiner Eindrücke und Gefühle wieder, vielleicht es den meisten Menschen ähnlich. Viele Liebe Grüße Kulle

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  2. Huch!?! Bist du jetzt unter Kannibalen gefallen? Oder was sind „tote Oma-Scheiben“ auf dem Grill????
    Da ich in knapp 2 Wochen auch mal wieder Richtung GB aufbreche – allerdings weiter nach Westen, ins Land des Roten Drachen – , mach ich mir etwas Sorgen! Als Oma geh ich locker durch, möchte aber möglichst auf keinem Grill landen 😉
    Ansonsten – wieder mal ein Bericht, der einfach nur Lust macht auf dieses wunderschöne Land! Auch wenn mir ein nettes B&B doch lieber ist als ein Bett im Zelt 🙂

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    • Haha, witzig, ich habe gar nicht hinterfragt, dass das ein Begriff sein könnte, der vielleicht regional oder zeitgeschichtlich nicht überall gebräuchlich ist. Unter „tote Oma“ verstehe ich sowas wie Rotwurst oder Blutwurst. Das haben wir bei uns zu Hause immer so genannt. Also keine Angst, dir sollte nichts derartiges widerfahren. Allerdings war ich noch nie in Wales und habe keine Ahnung, was da so Brauch ist. Ich wünsche euch dort eine tolle Zeit!!! Liebe Grüße Steffi

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