Harrogate – Englands Happy Town

Ein Besuch in Yorkshires berühmtem Kurort Harrogate stand schon lange auf meiner Reiseliste. Gerade erst zum dritten Mal in Folge zum glücklichsten Wohnort der Briten gewählt und zudem Heimat des von mir innig geliebten Yorkshire Teas, wollte ich mir das Städtchen im Norden Yorkshires mal mit eigenen Augen beschauen. Doch als ich mit meiner Frau Mama, die gerade zu Besuch ist, den Bahnhof verlasse, graut es mir. Auf den ersten Blick bietet diese Stadt wenig Schmeichelhaftes. Mehr als enttäuscht blicken wir auf einen grauen Bahnhofsvorplatz, auf dem sich ein kleines Shoppingcenter und ein paar schmuddelige Neubauten zu einem fragwürdigen Ensemble gruppiert haben. Moment mal, sind wir hier im richtigen Harrogate?

Von wegen Regenschatten

Zudem drückt ein eisiger, stürmisch an Haar und Kleidung zerrender Wind auf unsere Stimmung, der begleitet wird von heftigen Regenschauern. Eigentlich liegt Harrogate im Regenschatten der Pennines und gehört damit zu den trockensten Orten in Yorkshire. Tja, da haben wir heute wohl den Schwarzen Peter erwischt. Ich habe große Lust, auf der Stelle wieder umzukehren und als betrogener Tourist meine Fahrkarte zu reklamieren, ganz nach dem Motto: „Also hören sie mal, Ihre Besucherprospekte sind wohl nicht ganz auf dem neuesten Stand. Ich verlange eine Entschädigung.“ Aber so schnell geben wir uns zum Glück nicht geschlagen.Wer weiß, manche Orte brauchen eben ein wenig Geduld.

Liebe auf den zweiten Blick

Wir laufen durstig durch pitschnasse Gassen und beschließen, uns auf den Schock erst einmal einen ordentlichen, haarsträubend überteuerten Kaffee in Costas Coffeeshop zu gönnen. Und als wir nach einer rein zufällig auf unseren Tellern gelandeten Sahnetorte wieder auf die Straße treten, hat sich doch tatsächlich der Himmel aufgeklart und siehe da, nur ein paar Blocks weiter entfaltet sich Harrogate doch noch in all seiner Pracht. Beeindruckende viktorianische Bauten, die berühmten Bettys Tearooms, ausgedehnte Gärten und Parks (Valley Gardens, The Stray, RHS Harlow Carr Gardens, Crescent Gardens, um nur einige zu nennen),  türkische Bäder, exquisite Shoppingmeilen (v.a. in der Cambridge und Oxford Street, Beulah Street und James Street). Alles ist da, nur eben nicht gleich an den Bahnhof rangequetscht, sondern schön weit hinten angesiedelt. Englisches Understatement in seiner reinsten Form, hinterlistig im Stadtbild verewigt.

Vom Kurort zum Messezentrum

Jetzt leuchtet mir ein, dass dieser heute knapp über 70.000 Einwohner zählende Ort einst die englische Upper Class magisch anzog und eine Strahlkraft erreichte, die ganz Europa in ihren Bann zog. Auch heute noch kann man hier durchaus nobel entlangflanieren. Zu verdanken ist dies der Entdeckung eisen- und schwefelhaltiger Mineralquellen seit dem 16. Jahrhundert, deren Heilkräfte bald in aller Munde waren. Einst aus zwei unscheinbaren Dörfern zusammengewachsen, entwickelte sich Harrogate von da an zu einem Erholungs- und Vergnügungsparadies des englischen und europäischen Adels. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Spa-Hotels zu Büroräumen der Londoner Exilregierung umfunktioniert.  Von da an schwand die Bedeutung Harrogates als Kurort und machte neuen Aufgaben Platz, die vor allem im Geschäfts- und Messewesen lagen. Aber auch heute noch gibt sich die Hautevolee hier die Klinke in die Hand. Eigentum ist häufig erst ab der Millionengrenze zu erwerben.

Deutsche Schlager und Wikingerschätze

Im Jahr 1982 wurde in Harrogate übrigens deutsche Schlagergeschichte geschrieben. Hier fand der Eurovision Song-Contest statt, bei dem die damals 17-jährige Nicole mit ihrem Titel „Ein bisschen Frieden“ den ersten deutschen Grand Prix gewann. Und da wir schon bei neckischem Zusatzwissen sind: ein berühmter Sohn der Stadt ist der Downton-Abbey-Star Butler Carson, der mit richtigem Namen Jim Carter heißt. Doch es wird noch wilder:  Im Jahr 2007 machten zwei Hobby-Archäologen mit ihren Metall-Detektoren einen spektakulären Zufallsfund auf einem nahe Harrogate gelegenen, brachliegenden Acker: Sie stießen auf einen unglaublichen Wikinger-Schatz, der 617 Silbermünzen und 64 andere Wertgegenstände umfasste und auf das 10. Jahrhundert zurückdatiert werden konnte. Es lohnt sich also, immer ein wenig tiefer zu graben, bevor man sich ein vorschnelles Urteil bildet. Das gilt auf jeden Fall für diese Stadt.

Die mysteriöse Suche nach Agatha Christie

Wie Recht hatte doch Charles Dickens (1812-1870), der 1858 auf Besuch in Harrogate verweilte und über die Stadt Folgendes sagte:  „der sonderbarste Ort mit den seltsamsten Leuten, die die merkwürdigsten Leben führen“. Denn tatsächlich geschehen in und um Harrogate recht seltsame Dinge. So zum Beispiel im Dezember 1926, als die bekannte Romanautorin Agatha Christie (1890-1976) spurlos verschwand und eine der größten landesweiten Suchaktionen auslöste, bei der sogar erstmals auch Flugzeuge zum Einsatz kamen. Die Schriftstellerin hatte am Morgen des 3. Dezember ihren Wohnort im südenglischen Surrey verlassen. Ihr Auto wurde an einem nahegelegenen See, mit brennenden Lichtern und halb über ein Kliff ragend, gefunden.  11 Tage später fand man die Autorin wohlbehalten in einem Spa-Hotel in Harrogate. Hier hatte sie unter falscher Identität eingecheckt und dabei den Namen der Geliebten ihres Mannes verwendet. Zu den Gründen ihres plötzlichen Verschwindens schwieg Agatha Zeit ihres Lebens, was Raum bot für allerlei Spekulationen, v.a. ob sie sich zu einer spontanen Auszeit von ihrer in die Brüche gehenden Ehe entschlossen hatte.

An diesem Tag in Harrogate lerne ich mal wieder, meine Ungeduld zu zügeln und nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen, wenn meine Erwartungen auf den ersten Blick enttäuscht werden. Oft lohnt sich ein genauerer Blick, ein weiterer Schritt, ein neugieriges Sich-Einlassen auf Gegebenheiten, die selten ideal, aber meist auf irgendeine Weise eben doch lohnenswert sind. Harrogate hat mich zunächst verunsichert und dann doch noch überrascht, aber nicht allein wegen seiner scheuen Schönheit, sondern aufgrund all der turbulenten, erzählenswerten Geschichten, die sich hier ereignet haben.

Warst du schon einmal in Harrogate? Was hast du erlebt? Welchen Eindruck macht die Stadt auf dich? Was kannst du empfehlen?

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3 Gedanken zu “Harrogate – Englands Happy Town

  1. Lieb Steffi,

    vielenDank für Deinen unterhaltsamen, auch lehrreichen und informativen Bericht aus und über Harrogate. Ich freue mich für Dich, dass Du mit Deiner „Frau Mama“ dieses Erlebnis teilen konntest.

    Auch meine Englischkollegin Birgitt Uebelgünn hat stets großes Vergnügen beim Lesen Deiner Berichte. Sie will oder hat sich bereits registrieren lassen, damit sie Deine Botschaften nicht nur über mich als „Brück“ erhalten kann.

    Gestern Habe ich Oskar und Rica besucht. David musste leider arbeiten und Jürgen hatte mit der Vornbereitung seiner Betriebsratsrede für die diesjährge zweite Betriebsversammlung seiner Firma zu tun. So hatten wir Zeit fürs Spielen und reden. – Das war wieder sehr schön. – Fotos als Beleg dafür …

    Eine angenehme vorweihnachtliche Zeit für Dich und Deine Lieben

    wünscht Dein Onkel Rüdiger

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  2. Du machst ja spannende Sachen – und bis eine Kollegin! Ich kenne dich ja noch aus Reisefeder-Zeiten, meinem alten Blog. Jetzt mache ich einen neuen Blog, vielleicht magst du ja auch mal bei mir vorbeischauen? Würde mich total freuen! Schönen 3. Advent

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