There is no business like showbusiness

Krimiserien gehören wohl unschlagbar zu den beliebtesten Fernsehereignissen überhaupt. Auch wenn ich mir bei blutrünstigen Szenen meist feige die Augen zuhalte, bin ich selbst auch ein großer Fan von Tatort und Co. Gestern bekam ich ganz unverhofft die Möglichkeit, mal ein wenig ins nordenglische Showbusiness hineinzuschnuppern, und zwar als eine der deutschen Hintergrundstimmen für die letzte Folge der Serie „Paranoid“, eine achtteilige britisch-amerikanische Krimiserie, die gerade auf itv läuft. Zu verdanken habe ich das meiner guten Bekannten Judith, deren Nachbarn Anne und Paul zufällig Schauspieler sind.

Da die Serie zum Teil in Düsseldorf spielt, suchte die Produktionsfirma Red Production Company nach einer weiblichen deutschen Stimme, die Polizistinnen und Laborantinnen im Hintergrund nachsynchronisieren sollte. Die Aufnahmen sollten in Manchester stattfinden, und zwar im Herzen von Media City, dem größten Medienviertel außerhalb Londons. Hier hatte ich in einem riesigen Apartment-Komplex genächtigt, als ich vor zwei Jahren meinen Engländer zum zweiten Mal besuchte. Mein Englisch war damals noch eine ausgewachsene Katastrophe. Und jetzt würde ich tatsächlich einen dieser Tower betreten, um in einem Tonstudio für das englische Fernsehen zu arbeiten. Diesen Spaß wollte ich mir gerne gönnen.

Als mich Judith, die selbst an diesem Tag keine Zeit hatte, fragte, ob ich spontan dazu Lust hätte, sagte ich prompt zu. Doch die Sache hatte einen kleinen Haken: Ich war völlig verschnupft und hüstelte fast ununterbrochen. Nur einen Tag lang hatte ich Zeit, um meine Stimme wieder auf Vordermann zu bringen. Also trank ich literweise Zitronentee mit Honig und inhalierte, was das Zeug hielt. Und dann saß ich auch schon mit zwei der sympathischsten Schauspieler, die ich je traf im Auto Richtung Manchester. Mittlerweile war ich so aufgeregt, dass ich ununterbrochen quasselte. Doch Paul und Anne beruhigten mich: „Keine Sorge, Steffi, du musst nicht schauspielern und wir sind immer da und du kannst dich so oft versprechen, wie du willst. Ist alles ganz entspannt.“ Na dann.

Als wir im Parkhaus einrauschen, überkommt mich ein Deja-vu, das ich längst aus meiner Erinnerung verdrängt hatte. Es ist dasselbe Parkhaus, in dem ich meinen Engländer damals verdächtigte, auf der Suche nach einer freiwerdenden Lücke geduldig ständig nur im Kreis zu fahren und dabei nicht bemerkte, dass wir in Wirklichkeit durch verschiedene Stockwerke fuhren. Das bringt mich zum Schmunzeln und meine zitternden Knie kriegen sich langsam wieder ein. Wir betreten fröhlich plappernd den Blue Tower, ein hoch in den Himmel aufragendes Bürogebäude, in dem sich allerlei Produktionsstudios befinden. In einem kuscheligen Warteraum, der mit frei zugänglicher Minibar, Snacks und Obsttellern dekoriert ist, warten wir gespannt auf den Regisseur John. Inzwischen hat sich Clive Cooper zu uns gesellt, ein  gemütlicher, freundlich blinzelnder Stand-up Comedian mit durchdringendem Bariton und einer Menge Geschichten im Gepäck. Als junger Mann hat Clive viele Jahre in Minden gelebt, wo er die britische Armee als DJ und Entertainer unterhielt. Er spricht immer noch sehr gut Deutsch und wurde von seiner Agentur heute als mein deutscher Voice-over-Partner gebucht.

Während wir alle plaudernd beisammensitzen, erfahre ich, wie hart der Schauspieleralltag wirklich ist. Sowohl Paul als auch Anne und Clive können unmöglich nur vom schauspielern leben und verfolgen hauptberuflich ganz bodenständige Jobs. Trotzdem haben sie so viel Freude am Showbusiness, dass sie darauf hoffen, irgendwann einmal davon leben zu können. Bis dahin hetzen sie quer durch das Königreich zu Castings für die ganz große Rolle und geben Unmengen an Fahrtkosten aus. Ich bewundere ihre Zähigkeit und die Hingabe für ein unsichere, unerbittliche Branche, die so viel Einsatz und Flexibilität und vor allem Zuversicht verlangt.

Nach einer halben Stunde werden Clive und ich ins Tonstudio gebeten, das von einem gigantischen Mischpult fast ganz ausgefüllt wird. Ein verschmitzt lächelnder Brite schiebt ganz eifrig die Regler rauf und runter, während der Regisseur John, ein strahlender Brite mit Schirmmütze, im Hintergrund bequem auf einer wuchtigen Ledercouch lümmelt. Er begrüßt uns herzlich und lädt mich ein, mich direkt neben ihn zu setzen. An der Wand hängt ein überdimensionaler Flachbildschirm, auf dem ich eine bekannte deutsche Schauspielerin wiedererkenne: Aus einer mit Polizisten übersäten Hotelhalle blickt mir Christiane Paul mit ernstem Kommissarinenblick entgegen. Wow! Jetzt erst begreife ich, dass ich hier mitten drin bin im Fernsehgeschäft.

Zuerst ist Clive an der Reihe. Er soll einen Polizisten im Hintergrund zum Sprechen bringen. Dieser hält zwei Anzugträger davon ab, den Fahrstuhl zu benutzen. Der Regisseur gibt mir den englischen Satz vor und ich bastle daraus: „Entschuldigen Sie, Sie können den jetzt nicht benutzen.“ Clive schreibt sich den deutschen Kauderwelsch auf und muss den nun passgenau einsprechen. Doch die deutsche Version ist viel länger als die englische und so muss ich eine kürzere Alternative aus dem Ärmel schütteln. Das Einsprechen gelingt beim vierten Anlauf und nach ein paar Aussprachekorrekturen meinerseits auch einwandfrei. Dann bin ich an der Reihe. Ein winziges Mikrophon wird an  meinen Pulli geklemmt und meine Ohren mit viel zu großen Kopfhörern bedeckt.

„Siehst du die Rezeptionistin da am rechten Bildschirmrand? Kannst du die bitte sagen lassen: „Kann ich Ihnen helfen?“, weist mich der Regisseur aus dem Hintergrund an. Mein erster Versuch geht daneben. Ich spreche vor lauter Aufregung viel zu schnell. „Stell dir die Situation vor. Viel langsamer und etwas ängstlicher. Da kommen Polizisten auf die Rezeption zugerannt. Wie würde sich da jemand verhalten? Und los geht`s!“ Ich nehme einen zweiten Anlauf. „Ja, genauso! Prima!“, lobt mich der Regisseur und ich gewinne Selbstvertrauen.

Insgesamt spreche ich noch folgende Sätze ein: „Die Blutergebnisse sind da.“ und „Aber wir haben nichts falsch gemacht.“ Jedes Mal in drei verschiedenen Varianten. Danach helfe ich Paul und Anne, die ebenfalls zwei Sätze in Deutsch einsprechen sollen, um eine ausgewogene Stimmenvielfalt zu erreichen.

Nach etwa einer Stunde ist der ganze Spaß leider schon vorüber. Der Regisseur ist sichtlich zufrieden und verabschiedet sich scherzend: „Ich liebe dieses ganze Deutsch um mich herum. Ich muss wohl auch bald mal Deutsch lernen.“ Dann ziehen wir kichernd von dannen.

Vor meinem kleinen Ausflug in die Showbranche dachte ich immer, dass es dabei viel hektischer und aufbrausender zuginge, dass vor allem Regisseure extrem penibel und cholerisch daherkommen. Wieder mal schubse ich ein Klischee aus seiner Schublade und freue mich unendlich über eine geglückte Erfahrung im nordenglischen Fernsehgeschäft. Übrigens am 10. November wird diese letzte Episode auf itv ausgestrahlt. Ich werde schon mal das Popcorn besorgen.

2 Gedanken zu “There is no business like showbusiness

  1. Liebe Steffi,

    Dein Ausflug in diese Branche liest sich auf jeden Fall amüsant. Vielleicht kannst Du mit diesen Kontakten auch ein zweites „Standbein“ in Dein Leben tapsen lassen. Ich glaube nämlich, dass Du vor allem für das Übersetzen und dadurch Synchronisieren der zu sprechenden Texte eine „Ader“ hast. Du sprichst beide Sprachen, hast *ganz sicher* (!) sprachliches Feingefühl und Witz im Deutschen und wahrscheinlich zunehmend auch in der englischen Sprache. So jemand kann doch sicher den einen oder anderen helfenden Beitrag bei derartigen Arbeiten hinter der Kamera leisten. Denk`mal drüber nach und vielleicht magst Du neben Deinen anderen Ideen und Vorhaben an der „Sache“ dranbleiben.(?)

    Liebe Grüße aus dem herbstlich abgekühlten, nahezu britisch feuchten und bereits am Vorabend sich nordisch verdunkelnden Berlin von Deinem Onkel R

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