Tag 5 – Von Kildale nach Saltburn-by-the-Sea (24 Kilometer)

Eigentlich wollte ich noch eine weitere Etappe in meine Reise einbauen, bevor ich das Meer erreiche, doch als ich die Kilometer auf meiner Karte zusammenzähle, beschließe ich: Nee, ich laufe schon heute bis an die See. Die Vorfreude ist entsprechend groß. Nach einem Jahr sehe ich die Ostküste wieder. Endlich wieder den Gesang der Möwen hören, den Geruch von feuchtem Sand und Seetang einsaugen, die Augen auf blaue Unendlichkeit richten. Geliebte stürmische Nordsee, ich komme!

Ungeduldig habe ich bereits um halb acht all meine Plünnen zusammengerafft und klettere über den Zaun Richtung Coate Moor. Doch weil ich meinen Rucksack so eilig und ohne wachen Verstand vollgestopft habe, will der heute überhaupt nicht sitzen. Wieder schmerzen meine inzwischen blau und grün angelaufenen Hüftknochen unerträglich. Da das Zelt vom Morgentau noch klitschnass ist, schleppe ich gefühlt drei Kilo mehr mit mir herum. Zudem habe ich gestern auch noch meinen Brustgurt verloren, sodass ich die Schultergurte nur mit einer dünnen Haushaltsstrippe zusammenhalten kann. Aber das ist mir alles ziemlich schnuppe angesichts meines heutigen Tagesziels. Durch  eine größere Waldplantage führt mich mein Weg zum weithin sichtbaren Captain Cook Monument.

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Das Captain Cook Monument auf Coate Moor.

  © Copyright Paul Buckingham and licensed for reuse under this Creative Commons Licence

Die 18 Meter hohe Säule ist dem berühmtesten Sohn Yorkshires gewidmet, dem Seefahrer und Entdecker  James Cook (1728 – 1779). Dieser hatte vor allem durch seine Erkundungsfahrten in den Pazifik, wobei er zahlreiche Inseln entdeckte und auskundschaftete, große Berühmtheit erlangt. Er kartografierte und beschrieb Neuseeland erstmals ziemlich genau und betrat als erster Europäer die Ostküste Australiens. Grund genug für die Australier, Cooks Elternhaus, das diese 1755 ursprünglich im Dörfchen Great Ayton in Nord Yorkshire errichtet hatten, 1933 komplett nach Melbourne zu verschiffen und dort originalgetreu wieder aufzubauen. Unklar ist jedoch bis heute, ob James dieses Haus überhaupt je betreten hat, denn im Jahr der Erbauung diente er bereits in der Royal Navy als Unteroffizier auf der HMS „Eagle“ und begann seine Seefahrtkarriere.

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Der wohl bekannteste Sohn Yorkshires: Captain James Cook (1728-1779).

Porträt von Nathaniel Dance-Holland, 1776, National Maritime Museum.

Über Great Ayton Moor gelange ich zu einem Hügel mit dem hübschen Namen Roseberry Topping. Dieser ist aufgrund seiner markanten Form, die wie ein Sahnehäubchen auf einem Cupcake aussieht, schon von Weitem gut sichtbar. Er wird aufgrund seiner Gestalt auch als Matterhorn Yorkshires bezeichnet, auch wenn er gerade einmal 320 Meter hoch ist. Der Cleveland Way stellt mich hier vor die Entscheidung, mich auf dessen Spitze zu begeben oder einfach nur einen Blick zu riskieren und schnell weiterzumarschieren. Da mein verfluchter Rucksack mich noch um den Verstand bringt und ich keine rechte Lust auf eine weitere Detour habe, entscheide ich mich für Letzteres und marschiere eiskalt weiter über Hutton Moor.

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Roseberry Topping, Yorkshires Matterhorn.

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Und ganz plötzlich verändert sich etwas am Horizont. Bisher hat sich vor mir ein unendlicher grüner Flickenteppich aus Hügeln, Feldern, Wiesen und Tälern erstreckt, aber jetzt scheint dieser in der Ferne abrupt zu enden. Der Himmel hängt wie ein nebliger Streif ungewöhnlich tief. Ach Moment, nein, das ist ja gar nicht der Himmel, ich kann das Meer sehen! Hallelujah, da hinten in der Ferne liegt tatsächlich das Meer. Ich bin fast da! Ich bin so gerührt, dass ich vor lauter Glück meinen Rucksack ins Gras werfe und wie ein Baby schluchze. Dieses Gefühl, mit den eigenen Füßen ans Meer zu gelangen ist so ganz anders, als würde man mit dem Auto oder dem Zug dorthin fahren. Es ist überwältigend schön, zu erfahren, wie es ist, aus eigener Kraft an einen Ort zu gelangen, der plötzlich der schönste auf der Welt zu sein scheint. Ich glaube, ich habe das Meer noch nie zuvor so innig geliebt wie in diesem Augenblick.

Doch der sensationelle Ausblick verschwindet wenig später im dichten Geäst der  Guisborough Woods. So langsam knurrt mir der Magen und ich freue mich auf eine willkommene Stärkung im Fox and Hounds, einem Pub, das gleich am Waldausgang liegen soll. Doch der Weg dahin steckt voller Hindernisse. Ich muss vier gerade mal dreißig Zentimeter breite Zaundurchlässe überwinden, kann jedoch meinen Rucksack diesmal unmöglich abnehmen und über den Zaun wuchten, da der Weg hier so schlammig ist, dass ich den da ungern hineinwerfen möchte. Also klettere ich mal wieder völlig entnervt über Stacheldrahtzaun, der mir fast meine ganze Kluft zerfleddert. Völlig vermoddert und schlecht gelaunt gelange ich schließlich ans Gasthaus und wechsle vor der Tür in Badelatschen und saubere Hosen.

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Das Fox and Hounds Pub in Guisborough.

© Copyright Philip Barker and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Als ich aufblicke, starren mir aus dem Inneren des Pubs ältere Ehepaare mit gereckten Hälsen empört entgegen. Jetzt bin ich so richtig mies drauf. Warum werde ich eigentlich ständig und überall wie ein exotisches Tier beglotzt? Als ich den Pub betrete, sind wiederum alle Augen auf mich gerichtet. Dicke Briten verspeisen gerade tellerweise Backkartoffeln und triefende Rindfleischpasteten, während ich meinen Rucksack an den schönsten Tisch im Raum verfrachte. An der Theke warte ich Ewigkeiten auf die Bedienung und frage mich, ob ich gerade einer miesen Boykottaktion zum Opfer falle. Doch dann erscheint eine wohlbeleibte Dame, bei der ich Erbsensuppe mit Speck bestelle. Seltsamerweise habe ich beim Wandern ständig Lust auf Suppe. Vermutlich, weil die Muskeln meiner  Kauleiste  eingeschlafen sind, da ich allein bin und tagsüber kaum ein Wort spreche.

Als ich den Pub mit blubberndem Bauch wieder verlasse, sitzt draußen eine Gruppe männlicher Wanderer, die ziemlich abgeschlagen aussehen.

„Sind das deine Schuhe hier unter meinem Sitz?“, fragt mich einer von ihnen und hält mir meine verdreckten Botten vor die Nase.

„Ja, die gehören mir. Geht ihr den Cleveland Way?“, frage ich das Fünfergespann und erfahre, dass ich tatsächlich zum ersten Mal auf Mitstreiter gestoßen bin. Allerdings geht es einem Teil der Gruppe überhaupt nicht gut. Der gesprächigste unter den Hikern, die sich gerade mehrere Bierchen gönnen, zeigt mir mit schmerzverzerrter Mine eine riesige Blase an seinem rechten großen Zeh. Eigentlich ist der Zeh darunter schon gar nicht mehr sichtbar und das Ganze sieht ziemlich böse aus.

„Hättest du eine Empfehlung, was man da machen kann?“, fragt mich ein anderer, pakistanischstämmiger Hiker und bietet mir seinen Sitzplatz an. Doch ich habe einen straffen Zeitplan und antworte nur knapp: „Tut mir leid, ich kann da gar nichts empfehlen. Ich hatte noch nie eine Blase“ und ziehe mit einem „Viel Glück euch!“ davon. Vermutlich war das ein wenig unhöflich von mir, aber hey, die sind zu fünft und werden es schon packen. Außerdem haben wir vermutlich ganz andere Vorstellungen vom Wandern und eh kaum Gemeinsamkeiten. Meiner Erfahrung nach besteht der Wanderalltag britischer Männergruppen meist aus jeder Menge Alkohol und einem völlig übertriebenen Tagespensum.

Auf meinem Weg nach Skelton kommt mir ein sportlicher Mittfünfziger entgegen und ruft mir von Weitem lächelnd zu: „Na du siehst mal aus wie eine richtige Hikerin!“. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass Ian mit seiner Frau in Great Ayton lebt und genau wie ich das Wandern liebt. Als ich ihm erzähle, dass ich den Cleveland Way allein gehe und unterwegs hauptsächlich zelte, ist er sichtlich beeindruckt und erzählt mir, dass er schon so viele Wanderer getroffen hat, die bereits nach ein, zwei Tagen ihr Zelt nach Hause geschickt haben, weil sie die Nase voll hatten und zu Pensionen übergegangen sind. Ich muss gestehen, das kann ich keinem verübeln.

„Ich will jetzt nicht sexistisch rüberkommen, aber ich habe noch nie eine Frau allein wandern sehen und du bist auch noch so klein! Kann ich mal deinen Rucksack wiegen?“

„Oh doch, es gibt viele Frauen, die allein wandern. Na ja, und auch als kleine Person wird man von Tag zu Tag stärker“, versichere ich ihm lachend und lasse ihn meinen Rucksack anheben.“

„Meine Güte, du schleppst ein ganz schönes Gewicht mit dir herum. Du bist ja eine großartige Person! Wenn ich meiner Frau Rachel von dir erzähle, wird die mir das nie glauben.“

Jetzt werde ich doch ein wenig rot. Wir verabschieden uns und Ian setzt jetzt eine ernsthaftere Mine auf: „Versprich mir eins, pass gut auf dich auf!“

Ich verspreche es ihm. Als ich mich umdrehe, höre ich Ian hinter mir laut in die Hände klatschen und dabei ruft er: „Stefanie, du bist eine Inspiration! Gut gemacht!“ und sprintet von dannen.

Mir laufen die Tränen übers Gesicht und ich kann nicht fassen, dass mich ein völlig Fremder gerade mitten ins Herz getroffen hat.

Für ein paar Meilen vergesse ich meine schmerzenden Glieder fast völlig, doch als ich die kleine Stadt Skelton erreiche, kann ich fast keinen Schritt mehr gehen. Ich entdecke ein kleines Elektronik-Gebrauchtwarengeschäft und frage die Verkäuferin nach einer Kamera. Die schaut mich nur verdattert an und erwidert: „Nee, Kameras haben wir nicht. Braucht doch heute auch kein Mensch mehr, hat doch jeder ein Telefon.“ So ähnlich muss es damals jemandem ergangen sein, der Ende der Neunziger in einem Ostberliner An und Verkauf einen neuen Walkman erstehen wollte. „Wat, Kassettenlaufwerk? Wozu brauchste denn ditte? Kriegt man doch keene CD rin.“ Vielleicht habe ich technischer Hinterwäldler ja in Saltburn mehr Glück.

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In diesem Elektrogeschäft in Skelton geht man definitiv mit der Zeit.

© Copyright steven ruffles and licensed for reuse under this Creative Commons Licence.

Kurz bevor ich das Küstenstädtchen mit dem victorianischen Flair erreiche, treffe ich eine Frau in einem Waldstück, der ich erzähle, dass ich campen will. Die ist sich nicht sicher, ob es überhaupt einen Zeltplatz gibt. Als ich den Ortskern erreiche, tippt mir dieselbe Frau plötzlich an die Schulter und fragt mich, ob sie mal einen Blick auf meine Karte werfen dürfte. Darauf ist eindeutig ein Zeltplatz direkt an der Küste verzeichnet. „Oh ich weiß, wo das ist. Aber da kannst du nicht zelten. Das Gelände wurde privatisiert und da stehen jetzt Urlaubshäuser drauf.“, teilt mir die hilfbereite Seele mit. Ich danke ihr herzlich für Ihre Hilfe und beschließe, im örtlichen Tourismusbüro nach einer Unterkunft zu forsten. Die befindet sich in der Bibliothek und hat zum Glück noch eine halbe Stunde offen. Eine schüchterne Bibliothekarin übergibt mir eine Liste mit Hotels und Pensionen. Ich finde ein kleines Zimmer mit Meerblick in einem alten Seebadhotel, dem Saltburn House, für schlappe 30 Pfund.

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Der Pier in Saltburn-by-the-Sea.

© Copyright Philip Pankhurst and licensed for reuse under this Creative Commons Licence

Auch hier reagiert die Rezeptionistin verblüfft, als ich sie nach einem Kamerageschäft frage und versichert sich gleich drei Mal, ob ich tatsächlich so ein Ding suche, womit man nur Fotos macht. Hallo?! Inzwischen wäre ich auch mit einer einfachen Wegwerfkamera einverstanden, solange ich nur wenigstens etwas von dieser Reise festhalten kann. Doch weder bei Sainsburys noch bei Boots habe ich Glück. Ich gebe auf und kaufe mir stattdessen ein reichhaltiges Abendbrot, darunter Essigchips, eine kleine Flasche Wein, eine Cola, eine gigantische Wurst im Blätterteigmantel, einen Toffeepudding und zwei fernöstliche Suppenterrinen. Obwohl meine Fußsohlen deutlich spürbar mit mir meckern, begebe ich mich mit meinem gut gefüllten Snackbeutel direkt ans Meer, pflanze mich auf die nächstbeste Bank an der Strandpromenade und beobachte schmatzend gut gebaute Surfer und planschende Kinder. Wie gerne würde auch ich jetzt mit nackten Füßen am Strand spazieren gehen und den kühlen Sand zwischen meinen geschundenen Zehen durchrinseln lassen. Doch mein Gehapparat verweigert mir jetzt wirklich jeglichen Dienst. Und so bleibt mir nichts weiter übrig als träumend sitzen zu bleiben und dem Rauschen der tobenden See mit etwas Abstand zu lauschen. Falls mich mal später jemand fragt, was denn die glücklichsten Momente meines Lebens waren, dieser hier steht ganz oben auf der Liste.

Zurück in meinem Zimmer lasse ich mich nur noch geradewegs aufs Bett plumpsen, schalte den Fernseher an und werde direkt in das Hausaufgabenprokrastinationsprogramm meiner Schulzeit zurückkatapultiert: Ich amüsiere mich köstlich über die schauspielerischen Rafinessen und schicken Frisuren der Darsteller in der Serie „Mord ist ihr Hobby“.

 

 

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