Tag 2 – Von Drymen nach Cashell (19 Kilometer)

Brrrh, diese Nacht war bitterkalt. Wer kam eigentlich auf die Idee, im April campen zu gehen? Hm, vermutlich ich. „Du wolltest es ja so, nur wegen ein paar Fliegen“, kommentiert mein Engländer meinen Plan, den schottischen Midges ein Schnippchen zu schlagen. Mein Schlafsack ist für diese Jahreszeit absolut unbrauchbar. Das nächste Mal setze ich doch auf einen 4-Jahreszeiten-Allrounder und schaue vielleicht nicht mehr ganz so dolle auf den Preis. Als wir schockgefroren gegen sieben aus dem Zelt schlüpfen, sind viele der anderen Camper bereits auf den Beinen. Der nervige Bommelmützentyp scheint bereits aufgebrochen zu sein. Na wenigstens etwas. Auch Amy lugt mit müden Augen unter ihrer dünnen Zeltplane hervor. „Es war so furchtbar kalt“, wimmert sie leise mit klappernden Zähnen und befreit sich langsam aus zehn Lagen Kleidung.

Wir brauchen ewig, um unsere Hütten abzubauen. Es gibt gesüßtes Porridge zum Frühstück und einen kräftigen Schluck Waldbeerensaft. Dann brechen auch wir auf und vergessen doch beinah, für die Nacht zu bezahlen. Doch Amy hat alles im Blick und lässt ein paar Groschen in der Kasse klingeln. Ich hab zwar die Karte, aber kaum eine Peilung und überlasse das Navigieren vorerst meinen Mitreisenden. Schon seit gestern frage ich mich, wie ich eigentlich allein auf dem Pennine Way zurechtkam, körperlich als auch navigationstechnisch. Aber dann fällt mir wieder ein, dass ich mich doch recht oft verlaufen habe und alles irgendwie viel langsamer, da bedachter vonstatten ging.

Wir folgen einem weiten Forstweg durch Garadhban Forest, einer weiteren großen Nadelbaumplantage. Die Geschichte der schottischen Wälder ist übrigens ein recht trauriges Kapitel, denn wer es glaubt oder nicht, nur noch 1 Prozent des ursprünglichen natürlichen  Baumbestandes (Kiefer, Eiche, Birke, Wachholder und Eschen) ist bis heute erhalten geblieben. Als die Römer vor rund 2000 Jahren schottischen Boden betraten, tauften sie das Land „Caledonia“, was in etwa „bewaldete Höhen“ bedeutet, da es zu 70 Prozent von Wäldern bedeckt war. Im 18. Jahrhundert begannen mit den Highland Clearances großflächige Rodungen zugunsten der Schafzucht. Schiffbau und Brennholzindustrie taten ihr übriges. Die im 20. Jahrhundert einsetzende Aufforstung beschränkte sich auf schnellwachsende Nadelbäume. Die so entstandenen Monokulturen führten zu verstärkter Bodenerosion und einem Rückgang der Artenvielfalt.

An der nächsten Lichtung treffen wir zwei junge Männer aus Israel, die sich prompt zum Lunch mit uns niederlassen. Der Kleinere von beiden schleppt ernsthaft eine ganze Tüte Äpfel mit sich herum, die er uns freundlich feilbietet. Vermutlich ist ihm aufgegangen, dass er da ein ziemliches Gewicht mit sich herumschleppt. Obwohl die beiden geradezu nach unserer Gesellschaft heischen, wirken sie seltsam maulfaul und rücken nicht so recht mit der Sprache heraus. Egal, lange können wir eh nicht auf den herumliegenden Baumstümpfen verweilen, denn der Wind weht eisig aus allen Richtungen.

An der folgenden Weggabelung treffen wir eine folgenschwere Entscheidung. Nicht ahnend, dass wir uns hier zwischen einer leichteren und einer schwereren Route entscheiden könnten, trampeln wir einfach drauflos und geraten natürlich auf die  anstrengendere Variante, die nicht gemütlich ins nächste Dorf hinabschlendert, sondern einen kräftezehrenden Aufstieg bereithält. Conic Hill markiert mit seinen 361Metern Höhe den dramatischen Übergang von den Lowlands in die Highlands.

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Conic Hill markiert den Übergang von den Lowlands zu den Highlands.

Während Amy beschwingt den Aufstieg in Angriff nimmt, kraxeln mein Engländer und ich keuchend und im Schneckentempo die Anhöhe hinauf. Ich muss mehrmals stehenbleiben und nach Atem ringen. Unser Wanderführer spricht von einer lohnenswerten Angelegenheit und er soll Recht behalten. Auf dem Gipfel angelangt blicken wir auf Loch Lomond in all seiner Pracht. Der 39 Kilometer lange und an seiner breitesten Stelle 8 Kilometer breite Frischwassersee ist umgeben von einer alpin anmutenden Bergkulisse, auf deren Gipfeln Schnee liegt. Er liegt inmitten eines riesigen Naturschutzgebietes und für mehrere Kilometer ist es verboten, an seinen Ufern wild zu campen. Daher müssen wir heute nochmal auf einen offiziellen Zeltplatz ausweichen.

Übrigens gibt es einen wunderbaren Song über das Loch mit dem Titel „The Bonnie Banks o‘ Loch Lomond„. Amy erinnert sich schlagartig daran und wir schmettern gemeinsam den Refrain rauf und runter:

Oh, ye’ll tak‘ the high road, and I’ll tak‘ the low road,
And I’ll be in Scotland afore ye;
But me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks o‘ Loch Lomond.

Und natürlich hat Loch Lomond genau wie Loch Ness sein eigenes Seeungeheuer. Wie soll es auch anders sein. Dabei handelt es sich laut Augenzeugen scheinbar um ein seltsames Riesenkrokodil, das vorwiegend auf Entenfleisch abfährt. Ich finde, das muss gar nicht weiter belegt werden. Das glaube ich sofort. Aber mal im Ernst, neben den sagenhaft gigantischen Hechten, tummelt sich tatsächlich ein fieser Unhold in diesen Gewässern: Das sogenannte Neunauge (Petromyson marinus), ein etwa ein Meter langer aalartiger Parasit dockt sich an seine Beute an, saugt sie blutleer und raspelt nach und nach deren Muskelfleisch herunter. Na da planscht man doch gern mal ein bisschen ausgiebiger im Loch.

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Auf dem Gipfel von Conic Hill fällt das Lächeln wieder leichter.

Am Fuß des Hügel erwartet uns nach einem steilen Abstieg das touristenüberströmte Dörfchen Balmaha. Hier treffen wir die zwei Israelis Alex und Neal wieder, verschlingen gemeinsam dicke Beef-Burger und schottische  Lachsbemmen. Inzwischen hat sich das wortkarge Hikergespann zwar etwas gelöst, lädt uns zum Pastadinner auf dem Campingplatz ein, doch beide wirken irgendwie auch ziemlich abgekämpft. An der nächsten Straßenecke erwischen wir sie beim Versuch zu Trampen. Danach haben wir sie nie wieder gesehen.

Entlang der „bonnie banks“ schlängelt sich der Pfad auf und ab durch renaturierte  Mischwälder immer am Ufer entlang, das durch zahlreiche romantische Strände und einsame Buchten aufwartet.

In Millarochy erreichen wir einen ersten Zeltplatz am Strand, der uns jedoch noch nicht ganz überzeugt. Als Amy an der Rezeption zuckersüß nach einer heißen Tasse Tee fragt, ewidern die Damen ihr kühl: „Bei uns gibt’s nichts, aber wenn du ganz nett auf dem nächsten Zeltplatz fragst, macht man dir dort eventuell eine Tasse warm.“

Gesagt, getan. Nur wenige Minuten weiter erreichen wir Cashell und den dortigen Wohnwagenpark. Hier gibt es einen Shop mit allem, was das müde Wanderherz zum Hüpfen bringt: Würzige Suppenterrinen und Automatenkaffee mit Schaumkrone.

Als ich der Rezeptionistin meinen Nachnamen verrate, dessen exotischer Klang nicht so recht zu meiner englischen Anschrift passen will, wirkt diese sichtlich verwirrt, glaubt mir aber schließlich, dass ich in England wohnhaft bin.

Wir zelten auf einer großzügigen Rasenfläche direkt hinter einem Spielplatz in unmittelbarer Ufernähe. Es ist bitterkalt, also richten wir unsere Zelte so nah wie möglich aneinander aus und nehmen erstmal eine heiße Dusche.

Dieses Unterfangen gestaltet sich schwieriger als angenommen. Die sanitären Einrichtungen sind mittels eines Türcodes zugänglich. Die Toilette bekomme ich zwar ohne Probleme auf, aber vor dem Duschraum probiere ich eine geschlagene Viertelstunde sämtliche Kombinationsmöglichkeiten aus. Nichts da. Die Tür bleibt verschlossen. Schließlich öffnet sich Sesam und eine etwas ungehaltene Angestellte raunt mir mürrisch entgegen: „Was machen Sie denn da? Wo wollen Sie denn hin?“

„Naja, ich wollte eigentlich Duschen.“

„Das hier ist die Familientoilette. Die Duschen sind alle in der Damentoilette.“

Hä, da komme ich doch gerade her.

„Ach wirklich? Hab ich glatt übersehen.“

Mit einem entnervten Kopfschütteln drängt mich die grummelige Schottin zurück auf vertrautes Terrain. Und tatsächlich, die Duschen befinden sich klar ersichtlich mitten im Toilettenbereich. Okay…

Das Abendessen, ein gut durchgekochter Reisbrei mit Currygeschmack, wärmt unsere Glieder auf. Dicht zusammengekuschelt verschlingen wir Bissen um Bissen zu dritt in unserem Zwei-Mann-Zelt, schlürfen Instant-Kaffee und weiße Schokolade. Dann heißt es: „Good Night bonnie banks of Loch Lomond!“ und wir versinken in einem frostigen Schlummer. In der Nacht plagen mich Albträume. Eine fiese Killerkatze versucht mich mit aller Macht zwischen ihren Krallen zu zerfleischen, jagt mich durch halb Schottland und lässt mich kurz vor dem Morgengrauen schweißgebadet aufschrecken.

4 Gedanken zu “Tag 2 – Von Drymen nach Cashell (19 Kilometer)

  1. Oh je – nachdem es bei uns in Süddeutschland schon seit Tagen nachts Minusgrade hat, hab ich so was bei eurer Wanderung auch befürchtet! Weil ich eine fürchterliche Frostbeule bin, hab ich in dieser Weltgegend immer eine Baby-Wärmflasche dabei – heißes Wasser kriegt man irgendwie immer und dann rein mit dem Ding ins Bett/Schlafsack …. und schon ist es nicht mehr ganz so schlimm!
    Und heiße Schokolade – die hilft immer (in kleinen Tütchen, die man einfach in Wasser auflöst 😉 )

    Jetzt bin ich seeeeehr gespannt, wie’s weiter geht!

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    • Ja, das haben wir auch gemacht, sogar heiße Steine aus dem Lagerfeuer in den Schlafsack gepackt. Die ersten Stunden sind ja auch okay, aber dann so ab vier Uhr morgens ist alles so furchtbar ausgekühlt und die Wärmflasche hält ja leider nicht über Stunden. Wir hatten sogar heiße weiße Schokolade dabei, aber der Nachteil dabei ist wieder, dass man nachts auf die Toilette muss und das ist richtig unangenehm.

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  2. Noch was – ich will ja echt kein Salz in deine Wunden streuen 😉 – aber: Wir waren jetzt vier Mal in Schottland, im Juni. In den Highlands, Lowlands, auf den Hebriden und den Orkneys – und sind nicht ein einziges Mal von Midgets geplagt worden! Ich glaube, die kommen erst so im Juli …
    Dafür haben sie mich in Neuseeland fast aufgefressen – dort heißen sie Sandflies, ist aber im Grunde das selbe. Und weißt du, was wirklich hilft? Nicht vorher, sondern hinterher, denn das wirklich Schlimme ist ja die fürchterliche Juckerei und das Kratzen. Dagegen hilft die Emla Creme, die enthält ein Lokal-Anästhetikum und wirkt innerhalb von 10 Minuten. Dann hast du ca. 12 Stunden Ruhe, danach evtl. noch mal auftragen, dann ist Ruhe …
    Gibt es in D rezeptfrei in jeder Apotheke! Hat in NZ wunderbar funktioniert!

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    • Na das ist doch mal ein super Tipp! Danke dafür. Das probiere ich aus. Ja, vielleicht war ich da auch etwas zu paranoid und der Mai und sogar der Juni wären auch noch okay. Danke jedenfalls sehr für deine Erfahrungen!

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