Tag 16 – Von Bellingham nach Byrness (24 Kilometer, 549 Meter Anstieg)

Nach einem heißen Bad und zwei schmackhaften Tütensuppen habe ich wie auf Wolken geschlummert. Das ganze Hotelzimmer ist mit meinen

handgewaschenen Schmuddelklamotten dekoriert. Zum Glück habe ich im Zimmer eine elektrische Heizung, die ich stundenlang auf Hochbetrieb laufen lasse. Bis es so heiß im Zimmer wird, dass ich dann doch mal lüften muss. Der Witz daran: Keines der Fenster in diesem Nobelschuppen lässt sich öffnen. Oh je, entweder beschlagene Fenster und Gluthitze im Zimmer oder klamme Klamotten. Ich entscheide mich für Ersteres. Und so kann ich am Morgen in trockener Kluft weiterziehen.

Nach dem obligatorischen Hügelaufstieg aus dem Dorf hinaus, bei dem mir allerhand schuluniformierte Teenies entgegenkommen, stehe ich wieder mal allein mitten im Moor. Irgendwie bin ich wohl noch zu schläfrig, denn ich nehme wieder mal die falsche Route und kann nach wenigen hundert Metern den Pfad nirgends mehr sehen. Ich trotte zurück zum Wegweiser, um mich nochmal zu vergewissern und siehe da, ich Pflaume hab mal eben die Alternativroute getestet.

Der richtige Weg ist nur fußbreit und ich kämpfe mich durch kniehohes Heidekraut, Matsch und feuchtes Gestrüpp. Ich denke noch: „Zum Glück regnet es nicht.“ Und schlagartig zieht sich der Himmel zu und dicke Regentropfen prasseln auf mich nieder. Das ist das Verrückte am Pennine Way. Kaum denkt man über etwas länger nach, tritt es über kurz oder lang auch ein. Meine Schuhe saugen sich im Nu mit Wasser voll. Ich fühle, wie kleine Pfützen um meine Füße schwappen. Iiigitt, das ist echt unangenehm und kalt. Doch nasse Füße sind ja nun kein Grund die Flinte ins Korn zu werfen.

Als ich auf Deer Play, den nächsten Hügel, gelange, setze ich mich auf einen Steinhaufen und wringe erstmal meine Socken aus. Schon besser. Dann kletter ich über den Zaun und stakse bergab. Doch ich habe schon wieder nicht richtig den Wegweiser studiert. Also kletter ich missmutig nochmal auf den Hügel zurück. So langsam reißt mir der Geduldsfaden für heute. Nasse Füße, Pladderregen, Orientierungslosigkeit. Und als ich gerade losfluchen will, erblicke ich meine Wandergefährten. Na wenigstens habe ich jetzt ein wenig Gesellschaft. Und die hat wichtige Neuigkeiten im Gepäck: „Steffi, hat man dir gesagt, dass du auf keinen Fall übers nächste Moor solltest?“ Ich denke kurz zurück an den miesepetrigen Concierge im Riverdale Hotel und bezweifle, dass der den Pennine Way überhaupt kennt. „Nö, wieso?“
“ Es ist zu riskant bei dem Regen. Wir nehmen eine Abkürzung und folgen einfach der Straße. Als wir dich in der Ferne gesehen haben, haben wir uns beeilt, um dir das zu sagen.“ Wow das finde ich ziemlich lieb von den Dreien. Ich will mir gar nicht ausmalen, was mir sonst vielleicht widerfahren wäre.

Und so folgen wir der Hauptstraße, die uns in das weitläufige Waldgebiet von Redesdale Forest bringt. Hier folgen wir der steinigen Forststraße bis uns der Hunger plagt und wir uns zum Mittagstisch im Schutz dichter Tannenbäume niederlassen. Der Waldboden ist ungemein weich und mein kaltes Chicken Tikka aus dem Plastikbeutel schmeckt gar nicht so übel. Eine halbe Stunde gönnen wir uns, dann geht es weiter.

Die Tannenbäume werden immer massiver und größer. Die Straße windet sich in einem fortwährenden Auf und Ab durch die künstlich gepflanzte Baumlandschaft. Irgendwie haftet der Szenerie so gar nichts Englisches mehr an. Ich fühle mich eher nach Alaska versetzt und meine Augen beginnen instinktiv nach Bären Ausschau zu halten. Und da das ganze Szenario ziemliche Kinoqualitäten aufweist schnappe ich mir meine Pepsidose, auf die ich mich schon den ganzen Tag gefreut habe und genieße den Augenschmaus mit erfrischenden Schlucken.

Stunden später erreichen wir erschöpft aber glücklich das kleine Dörfchen Byrness am Rande der mächtigen Cheviot Hills unweit der schottischen Grenze, die morgen auf uns warten. Nun huschen wir aber erstmal rein in die gute Stube und erhalten einen ungewöhnlich herzlichen Empfang im Forest View Walkers Inn, einer liebevoll ausgestatteten Pension für Wanderer, in der der Hausherr sogar selbst die müffligen Schuhe und Socken seiner Gäste reinigt. Die Gastfreundschaft und das Verständnis für die Bedürfnisse der Weitgewanderten kennt hier keine Grenzen. Ich bin hin und weg von so viel gelebter Warmherzigkeit, köstlicher Küche, der hauseigenen Bar mit dem besten Merlot aller Zeiten und den charmanten Pennine-Way-Geschichten der Gastgeber.

Außerdem versammelt sich hier der harte Kern der Pennine-Way-Hiker. Eine fantastische, unterhaltsame Truppe der interessantesten, offenherzigsten Menschen, denen ich je begegnet bin.

Und hier ein paar Eindrücke von diesem Tag:

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