Tag 14 – Von Greenhead nach Bellingham (34.5 Kilometer, 945 Meter Anstieg) Teil 1

Mehr als 25 Kilometer auf bergigem Gelände ist für mich als mäßige Sportskanone schier nicht drin. Daher muss ich
diese Wegstrecke einfach zweiteilen. Und auch meine flotten Hikerkollegen müssen passen und sind sich einig: Das ist ziemlich ungesund.

Also habe ich heute einen recht kurzen, etwa zwölf Kilometer langen Abschnitt vor mir, der es allerdings in sich hat. Doch davon ahne ich noch nichts, als ich heute mal etwas länger in den Kissen lümmle und erst gegen 9.30 Uhr das Hostel Richtung Pennine Way verlasse.

Das Ausschlafen scheint sich recht ungünstig auf meine Orientierung im offenen Gelände auszuwirken, jedenfalls lande ich auf einer Straße, die so gar nicht zu meiner Landkarte passen will. Dabei passiere ich einen hammermuskulösen, aufgebracht bellenden Schafsbullen, der sich tierisch über mein Vorbeikommen empört. Das erste Mal in meinem Leben jagt mir ein Schaf Angst ein. „Das ist doch wohl ein Witz“, denkt ihr? Ich kann nur sagen, der knurrende Agrowollzwerg ist echt nicht zum Scherzen aufgelegt. Wenn ich den auch noch geknipst hätte, wär der völlig ausgerastet. Was soll’s, ich bin hier eh falsch.

Doch der richtige Pfad gefällt mir auch nicht so richtig. Wieder muss ich steil aufwärts kriechen. Irgendwie schwitze ich viel mehr als sonst. Es ist verdammt heiß. Kein Wunder, ich hab ja auch meine dicke Thermostrumpfhose von letzter Nacht noch drunter. Manno! Und da die weg muss, wechsle ich mal eben im prüden England mitten auf dem Feld, auf einer sonnigen Anhöhe, mein Unterbeinkleid. Jetzt habe ich echt mal wieder jede Menge Zeit mit Dummheiten zugebracht.

Bald erreiche ich den Eingang zum Northumberland Nationalpark und gönne mir noch schnell ein Käffchen im zugehörigen Farmshop. Denn ich brauche nun alle meine Energien. Es geht hinauf auf die Walltown Crags und von dort oben immer entlang am legendären Hadrianswall. Als ich an der römischen Mauer entlangwandere überlege ich kurz, ob ich nicht ein kleines Steinbröckchen heraushebeln und als Souvenir heimlich in die Hosentasche gleiten lassen sollte. Ich meine als Berlinerin bin ich es gewohnt, dass Mauerstücke in Souvenirshops feil geboten werden. Aber die antiken Ziegelsteine sind dann doch etwas zu massiv und außerdem ist der Wall heute an einem Samstag auch recht gut besucht. Mal abgesehen von lautstarken Familien, die ihre Kleinkinder auf der Mauer spazieren lassen, treffe ich ein genügsames Vater-und-Sohn-Trio, ein aufgewecktes Pärchen aus Hamburg, zwei ulkig verkleidete Australier und eine orientierungslose Engländerin, die sich mal eben meine Karte borgt.

Allerdings habe ich mir den Spaziergang an der Barbarenabwehrfront naiverweise etwas chilliger vorgestellt. Ich treffe auf die atemraubendsten Hügelbe- und entsteigungen, die ich auf dem Pennine Way je erlebt habe. Eigentlich hatte ich angenommen, nun doch schon recht fit dabei zu sein, aber die alten Römer belehren mich eines Besseren. Ich meine, die Jungs sind hier mit Sandalen rauf und runter. Vermutlich ist das der Trick an der Geschichte: leichtes Schuhwerk und ne Menge Unsinn im Kopf. Probier ich vielleicht das nächste Mal. Für heute bin ich nach fünf Stunden fertig, und zwar richtig. Ich nehme den Bus zurück ins Hostel, weil im Dörfchen Once Brewed (oder Twice Brewed, je nachdem von welcher Seite man hineinfährt) kein Bettchen mehr frei ist. Am nächsten Morgen fahre ich dann mit dem Taxi hierher zurück und laufe den Rest der Strecke.

An der Bushaltestelle macht mir der Pennine Way wieder ein goldiges Geschenk: Ich treffe den weltoffenen, sympathischen Jee-Hoon Lee aus Südkorea. Er studiert Architektur in London, liebt Wanderungen durch fremde Länder und sieht die Welt mit denselben Augen wie ich. Und während wir auf den Bus warten, sprechen wir über die Schönheit Nordenglands, die Sehenswürdigkeiten fernab touristischer Ratgeber, über das Sprachenlernen und das Eintauchen in andere Kulturen, über die deutsche Flüchtlingspolitik und das Verhältnis zwischen Japan und Südkorea. Ich bin zutiefst gerührt von dieser warmherzigen Begegnung an einem der unscheinbarsten Plätze entlang des Pennine Ways. Wir wollen in Kontakt bleiben, tauschen Adressen aus. Und als wir uns verabschieden, lächelt der liebenswürdige Koreaner mir zu und sagt: „Ich würde dich gern irgendwo in der Welt wiedersehen.“ Wow! Das ist wohl einer der schönsten Abschiedssätze, die ich je gehört habe.

Und jetzt seht, was ich heute geknipst habe

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