Tag 9 – Von Hawes nach Tan Hill (25.5 Kilometer, 1005 Meter Anstieg)

Die Nacht im recht einfach gehaltenen Youth Hostel in Hawes war kurz, aber dennoch recht bequem, auch wenn die Doppelstockbetten eher Kindergröße aufwiesen. Mehrmals stoße ich mir den Kopf an der Leiter. Nachtlampen gibt es nicht und auch nur eine einzige Steckdose für 5 Mädels. Dafür ist das Personal, wenn auch nicht besonders ortskundig, ziemlich aufgeschlossen. Ich bekomme hier meinen ersten Aufnähpatch sogar umsonst, weil es der Letzte in der Auslage ist.

Um sechs Uhr heißt es für mich also raus aus dem Kuschelnest. Um den Rest der Truppe nicht zu wecken, werfe ich meine Sachen erstmal unsortiert auf den Hostelgang, um sie im Badezimmer wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Die Dinge, die ich erst am Abend brauche kommen ganz nach unten, Snacks und Kocher weit nach oben. In den ersten Tagen habe ich immer Stunden gebraucht, um fertig zu werden. Daran hat sich eigentlich auch bis heute nichts geändert. Fest steht: Je organisierter und chronologischer der Rucksack gepackt wird, desto unbeschwerter sind die Abendstunden, wenn man einfach nur noch ruhen und nicht noch stundenlang in seinen Sachen kramen möchte.

Nicki gönnt sich verletzungsbedingt heute einen Ruhetag im Hostel. Ich bin recht traurig, dass ich sie hier zurücklassen muss, und das, wo der Wetterbericht heute Sonnenschein pur verspricht. Doch wir trinken noch einen Morgenkaffee zusammen, tauschen Kontaktdetails aus und plaudern ein wenig über die bevorstehenden Landschaften. So ist das eben auf dem Pennine Way: Weggefährten kommen und gehen. Ich freue mich immer, wenn jemand ein Stückchen mit mir geht. Die Menschen, die ich in diesen Tagen treffe sind ganz besondere Charaktere. Sie alle haben tolle Geschichten zu erzählen, sie sind fröhlich und aufgeschlossen, unglaublich hilfsbereit, hören dir zu und sind einfach am Leben interessiert. Uns alle verbindet die Liebe zum Wandern, zum Entdecken, die Abenteuerlust. Auch wenn wir uns noch nie zuvor gesehen haben, empfinde ich schon nach kurzer Zeit so etwas wie Vertrautheit, freue mich ungemein, wenn ich mitten am Tage oder abends im Pub ein bekanntes Gesicht entdecke. Es gibt nichts Schöneres als die Erlebnisse der letzten Stunden gemeinsam zu teilen. Doch die meiste Zeit ist man natürlich mit sich allein da draußen. Und das ist eine Erfahrung, die sich einbrennt, denn dabei kommt man sich selbst so nahe wie nie zuvor und man lernt sich zu vertrauen, sich Dinge zuzutrauen, die man nie für möglich gehalten hat. Ich durchlebe Emotionen, instinktive Reaktionen, die ich zum Teil so von mir noch nicht kannte. Die tiefe Furcht auf ungehbar scheinenden Wegen, eine wachsende Sorglosigkeit gegenüber fremden Orten und Menschen, ein Urvertrauen in die eigenen Kräfte, eine erschütternde Ohnmacht gegenüber Naturgewalten, eine ungezähmte Liebe und tiefe Zuneigung zu Bergen, Tälern, Flüssen, Landschaften, die grenzenlos scheint. Ich bemerke kleinste Tiere am Wegesrand, freue mich über jedes Schaf, jedes gackernd davonfliegende Moorhuhn. Die eigenen Augen sind plötzlich so geschärft und das Herz weitet sich für die großen und für die kleinen Dinge.

Ich verlasse das schmucke Hawes, passiere das winzige Hardraw und beginne ällmählich den kräftezehrenden Aufstieg auf Yorkshires drittgrößten Berg: Great Shunner Fell. Als ich mich zur Frühstückspause niederlasse treffe ich David aus Schottland wieder. Wir laufen ein Stückchen zusammen und ich erfahre allerlei Wissenswertes rund um die schottische Kultur und Sprache. Wir tauschen deutsch-britische Redensarten aus, sprechen über Campingausrüstung, über das Wandern allein und in Gesellschaft. David passt sich zwar meinem Tempo an, doch ich fühle mich dennoch etwas unter Druck gesetzt. Ich suche nach einer Möglichkeit, ihm höflich, aber bestimmt zum Weiterziehen anzuregen. Er versteht das völlig, lädt mich noch zum abendlichen Whiskyumtrunk am Lagerfeuer ein und schreitet seines Weges.

Auf dem Gipfel in 714 Metern Höhe versammelt sich im steinernen Windschutz eine ganze Hiker-Truppe zum Mittagstisch. Hier oben bietet sich das dieser Tage wohl beeindruckendste 360-Grad-Panorama. Vor mir eröffnet sich zu allen Seiten hin Yorkshire in all seiner Pracht. Ich muss mir mächtig die Augen reiben, da ich nicht mal ansatzweise fassen kann, wie unheimlich schön dieser Erdteil ist. Diese sanft in allen Grüntönen schimmernden Hügelketten, die unterbrochen sind von malerischen Postkartendörfchen sind ein Geschenk des Himmels. Und das wahrhaft Schöne daran ist, dass ich es Heimat nennen darf. Und wieder rollen unaufhaltbar dicke Freudentränen über meine verschwitzten Wangen. Wäre es nicht so zugig hier oben, ich würde alle viere von mir strecken und wohl für immer hier liegen bleiben.

Der Abstieg erfolgt ganz sanft über Moorland ins winzige Dörfchen Thwaite. Hier belohne ich meine Mühen mit einem köstlichen Milchkaffee und Schokokuchen im Kearton Hotel Café. Und die Energiezufuhr kann ich brauchen, denn dummerweise verliere ich kurz nach dem Ortsausgang den Pfad aus den Augen. Ich schlendere über mehrere Felder, quetsche mich durch engste Mauerspalten. Alles umsonst. Ein anderer Wanderer macht mich nach einer halben Stunde darauf aufmerksam, dass der Pennine Way ganz woanders langführt, nämlich nicht auf flachem Land, sondern auf Kisdon Hill, dem Hügel nebenan.

Also drehe ich um und schleppe mich den nächsten Berg hinauf. Ich verliere eine ganze Stunde eh ich den höchsten Punkt des Pfades erreiche, aber die Muskelarbeit zahlt sich doppelt und dreifach aus. Der steinige Weg führt um den Berg herum, durch Heidekraut und dichtes Farn mit Blick hinab auf Swaledale, eines der zauberhaftesten, umwerfendsten Täler, die man sich vorstellen kann. Mein Kopf kann längst nicht mehr verarbeiten, was ich hier sehe. Die Eindrücke sind einfach zu gewaltig. Ein älteres Pärchen, das selbst ganz verliebt in diese Gegend ist, hält mich an, um zu erfahren, woher ich komme und wohin ich ziehe. Wir plauschen ein wenig und sie versprechen mir, an mich zu denken bei schönem wie schlechtem Wetter. Dann muss ich weiter, denn es ist schon vier Uhr und es liegen noch Meilen vor mir. Da ich heute hinter dem höchsten Pub in Großbritannien campen werde, dem Tan Hill Inn, will ich möglichst noch vor Einbruch der Dunkelheit dort ankommen. Doch das bedeutet auch, dass ich nochmal auftanken muss. Die Gelegenheit ist günstig, denn ich gelange bald an einen kleinen Park mit Wasserfall und Bänken. Hier verputze ich den Rest meines Lunchpakets und dann geht’s wieder steil bergan bis ich Stonesdale Moor erreiche. Der Pfad führt durch endlose, menschenleere Weiten und ich frage mich allmählich, ob das eine gute Entscheidung war, denn die Uhr schlägt schon sechs und ein Pub ist weit und breit nicht in Sicht.

Meine Schultern schmerzen immer stärker unter der Last des Rucksacks und auch meine Beine bedanken sich langsam. Ich lege mal lieber einen Zahn zu. Plötzlich stehe ich wieder vor einer Anhöhe und hoffe sehr, dass auf dem Gipfel ein Abendessen lockt. Doch als ich oben bin sehe ich nur Felsen und Schafe. Mein Magen grummelt. Wo bleibt jetzt bitteschön die so allseits berühmte Kneipe? Ich laufe und laufe und dann ganz hinten leuchtet plötzlich ein Haus in der Ferne auf und daneben weht im Abendwind die britische Flagge. Doch der Weg führt natürlich nicht direkt dorthin, sondern macht nochmal einen schönen weiten Bogen, damit es auch so richtig wehtut. Na vielen Dank auch. Und dann ist es vollbracht. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffne ich die Tür des Pubs und bin erstaunt wie gut gefüllt der doch an einem Donnerstagabend ist.

Ich frage nach dem Zeltplatz und man verweist mich auf ein Feld hinterm Haus. Dort ist es ziemlich stürmisch und ich überlege lange, wo genau ich meine Hütte aufstelle. Zum Glück gibt es ein paar größere Felsen, die zumindest zu einer Seite hin Schutz bieten. Als ich endlich den Schlafsack ausbreiten kann, versinkt die Sonne über den Mooren Yorkshires. So, das wäre erledigt. Jetzt ab ins Warme und eine heiße Suppe bestellt. Gesagt, getan. Als ich das Pub zum zweiten Mal betrete erblicke ich an der Bar zwei alte Bekannte. Dennis und Bob aus Manchester, zwei sportliche Herren um die siebzig begrüßen mich herzlich. Ich freue mich wie Bolle über die zwei. Wir beschließen, zusammen zu speisen und beide spendieren mir ein Gläschen Rotwein, „damit ich besser schlafen kann“. Die beiden sind ziemlich lustig drauf, was durchaus an der guten Alkoholmischung liegen kann, die sie da zusammengestellt haben. Ein paar Bierchen und eine ganze Flasche Rotwein.

Ich verspeise eine heiße Gemüsesuppe und wir lernen uns auf unterhaltsame Art besser kennen. Dann heißt es, raus aufs Feld für mich, denn nach einer Mahlzeit ist der Körper reichlich aufgewärmt. Im schmuddeligen Außenklo bereite ich mir aus zwei kleinen leeren Plastikflaschen noch schnell zwei Wärmflaschen zu. Mit Kopflampe bewaffnet stolpere ich übers Feld, auf dem plötzlich noch ein riesiges Zirkuszelt steht. Der Himmel über mir ist mit Sternen übersät. Oh, das wird bitterkalt, fürchte ich. Als ich ins Zelt schlüpfe, bemerke ich nicht nur, dass sich der Wind inzwischen gedreht hat und heulend von der Seite gegen die Zeltplane drückt, sondern auch, dass ich etwas abschüssig liege. Ich versuche, mich so gut es geht warm zu halten, doch der Schlafsack ist und bleibt zu dünn, der Wind pfeift durch alle Ritzen und ich rutsche alle halbe Stunde abwärts. Ich kann unmöglich das Zelt anders ausrichten, also nehme ich eine etwas ungewöhnliche Schlafstellung ein, die mich einigermaßen in Balance hält.

Doch ich kann einfach nicht einschlafen. Der Wind ist viel zu laut, mein Körper kühlt aus und ich muss ständig aufs Klo. Ganze zwei Stunden finde ich Ruhe, doch gegen sechs Uhr morgens reicht es mir dann. Ich frier mir hier draußen den Arsch ab, also kann ich auch aufstehen und weiterlaufen. Doch als ich die Augen öffne, kann ich fast nichts sehen. Sie sind einfach mal über Nacht zugeschwollen. Als ich in den Spiegel blicke bekomme ich das Fürchten. Hallelujah, ich seh aus als hätte man mich mächtig verdroschen und weil ich niemanden erschrecken will, ziehe ich die Kapuze an diesem Morgen einfach etwas tiefer ins Gesicht.

Tag 9 in Bildern:

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2 Gedanken zu “Tag 9 – Von Hawes nach Tan Hill (25.5 Kilometer, 1005 Meter Anstieg)

  1. Liebe Steffi,

    hoffentlich kannst Du nun wieder klar sehen, denn die Landschaft ist so beeindruckend, dass Du wirklich keinen Anblick verpassen darfst.

    Ich freu mich für Dich.

    Liebe Grüße auch von Oma, bei der wir an diesem Wochenende waren. Wir haben mit ihr einen neuen Fernseher gekauft. Du musst unbedingt eine Foto DVD von Deinen Aufnahmen brennen und diese schicken. Ich würde die dann zu einer Dia-Show für Oma und auch für uns verarbeiten. – Übrigens hat Oma schon Lebkuchen für ein Päckchen für Dich im kleinen Zimmer „gelagert“. …

    Herzliche Grüße aus Berlin von (Onkel) Rüdiger und Jürgen

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    • Das mach ich, wenn ich zurück bin. Gute Idee. Ja ich glaube, ich hab da gegen irgendwas allergisch reagiert. Augen sind wieder okay und der Blick klar :). Morgen kommt wohl, so erzählt mir jeder, der beste Part mit vielen Highlights und Riesenwasserfällen. Ich werd um 6 losgehen, denn ich muss 32 Kilometer schaffen.

      Liebe Grüße an euch aus Cumbria!

      Steffi

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