Tag 5 – Von Ponden nach Lothersdale (15 Kilometer, 646 Meter Anstieg)

Bevor ich wieder in die bequemen Wanderschuhe schlüpfe, kann ich heute mal etwas länger schlummern, denn der Weg nach Lothersdale ist nicht ganz so weit. Bevor ich die Yorkshire Dales erreiche, muss ich den Weg in kleinere Sektionen unterteilen, da es mit Campingplätzen in der Gegend eher mau aussieht. Außerdem muss ich bis dahin wieder meinen prall gefüllten Rucksack umschnallen, der zwar nicht mehr ganz so schwer daherkommt wie am Anfang, aber doch einiges auf die Waage bringt. Denn heute heißt es wieder ab ins Zelt. Ich gebe zu, dass mich die erneute Last etwas in Sorge versetzt, aber wenn ich genügend Pausen einlege wird es schon werden. Diesmal bin ich auch schlauer und packe mir genügend Snacks und Heißgetränke ein. Mein Engländer bringt mich zurück an meinen gestrigen Endpunkt in Ponden und von dort stapfe ich zunächst einen ziemlich steilen Anstieg herauf bis ich wieder mitten in den einsamen Hochmooren stehe. Die einzigen Lebewesen, die ich hier oben in der purpurnen Einöde antreffe sind die landestypischen Wollschäfchen. Die glotzen mich nur verdattert an, als ich passiere, wenn sie nicht vorher schon Reißaus genommen haben. Man darf das nicht allzu persönlich nehmen, schließlich ist der Pennine Way nicht gerade überfüllt, zumindest nicht in dieser Region.

Es ist schwer zu beschreiben, dieses merkwürdig verlassene Gefühl, das einen in dieser märchenhaften Einsamkeit beschleicht, die nur vom Himmel begrenzt zu sein scheint. Die lauernde Gefahr im sumpfigen Morast, dessen dunkle Tiefe ich nur erahnen kann, der verschlungene Pfad, in dem hier und da mit Wasser gefüllte Löcher klaffen, das stetige der unbeständigen Witterung Ausgesetztsein – das alles versprüht eine sagenhafte Unheimlichkeit, in der die eigentliche Anziehungskraft dieser rauhen, irgendwie verwunschenen Hochmoore liegt. Selbst die Felsen und Hügel hier draußen tragen bedrohliche Namen wie Wolf Stones.

Als ich den höchsten Punkt erreiche zieht direkt hinter mir eine dunkle Wolke herauf und ich beschleunige meine Schritte, um ins Tal zu kommen, bevor der Regen den Steinpfad rutschig werden lässt. Ich passiere eine kleine Schutzmauer und erschrecke mich zu Tode. Da sitzt ein anderer Wanderer und mampft gemütlich sein Mittagsbrot. Der bekommt in derselben Sekunde auch einen Schreck, weil er so wie ich niemanden hier draußen vermutet.

Was ist sonst noch so passiert an diesem gemächlichen Tag auf dem Pennine Way? Ein flinker Abstieg ins Tal Richtung Cowling, eine Odyssee durch unwegbares Gelände, unzählige Hügel auf und ab, mitten hindurch durch winzige englische Dörfchen, vorbei an verlassenen Farmhäusern, aufgebrachten Kuhherden, auf Irrwegen den Ortseingang von Lothersdale erreicht. Ich bin im Norden Yorkshires angelangt. Die Karte zeigt mir den Campingplatz in unmittelbarer Nähe zum Pennine Way an, doch als ich dort eintreffe, finde ich nichts weiter als ein verlassenes Gehöft vor. Weit und breit kein einziges Zelt. Etwas naiv bin ich auf blauen Dunst hierhergekommen. Vielleicht wurde der Zeltplatz inzwischen geschlossen. Einen Plan B habe ich nicht. Doch vielleicht bin ich auch auf der falschen Fährte und wo wüsste man besseren Rat als im ortseigenen Pub. Der schließt gerade zur Nachmittagspause, aber der Besitzer lässt gerade noch meine Frage durchgehen. Er erklärt mir in ziemlich akzenthaltigem Englisch den Weg, aber nach einer halben Minute habe ich wieder vergessen, was er da halb verständlich von sich gegeben hat. Also belästige ich noch einen Bewohner, der mir dasselbe erzählt. Seiner Ansicht nach solle ich einfach durch den Hof eines Privatgrundstückes marschieren, doch irgendwie will mir das nicht so behagen und da doppelt zwar hält, aber dreifach doch niet- und nagelfester ist, befrage ich mal eben noch einen Bauarbeiter. Der hat nun gar keine Ahnung und schickt mich erstmal ganz woanders hin. Dann endlich kapier ich’s. Ich campe im Garten von jemandem, der sich etwas Geld dazuverdient. Eine nette englische Familie. Das Tor steht weit offen, am Fenster klebt ein Zettel: „Kann sein, dass ich spät von Arbeit komme, campt einfach auf dem Rasen gegenüber der Badezimmertür. Richard“ Bevor ich herausfinden kann, wo genau sich die Badezimmertür befindet, naht die Besitzerin heran und ruft mir strahlend zu: „Keine Sorge, du bist völlig richtig hier.“ Sieben Pfund kostet mich der Spaß und ich bekomme ein ganzes, zwar ziemlich rumpeliges, aber doch mit allem ausgestattetes Badezimmer dazu. Als ich gerade meine Hütte aufstellen will, knistert es hinter mir. Ich drehe mich um und darf mich über einen zweiten Wanderer freuen. James aus Birmingham wird die Nacht auch hier verbringen. Wir plaudern kurz, ich nehme eine heiße Dusche und bin bereit für den Ausgang. Ein deftiges Abendessen im Hare & Hound Pub steht an. James ist schon vorgegangen. Doch der Arme hat im Eifer glatt sein Portemonnaie verloren. Ich finde es auf der Wiese und kann es ihm gerade noch rechtzeitig stecken, bevor er das halbe Menü bestellt und angehalten ist, die Zeche zu prellen.

Im Pub sitzen gerade mal drei Gäste und die reichlich gelangweilt vor sich hinstarrende Tresendame ist überglücklich, dass sie jetzt mal was zu tun bekommt. Ich bestelle einen gigantischen Yorkshire Pudding, gefüllt mit Pommes, Bratensauce und Roastbeef, dazu Ginger Ale und ein Glas Weißwein. Das reichliche Mahl wärmt meinen Körper anständig auf und als ich ein paar Stündchen später in sämtliche Kleidungsstücke gehüllt ins Zelt krauche ist mir wohlig zumute. Doch wirklich schlafen kann ich stundenlang nicht. Erst rüttelt der Sohn der Familie kräftig an den Mülltonnen rum und treibt wer weiß was da draußen auf der Einfahrt, dann kräht ein Hahn lautstark durch die Nacht. Schließlich kühlt mein Zelt so stark aus, dass ich mich bibbernd vollständig in meinen Schlafsack vergrabe.  Egal, ich fühle mich trotzdem irgendwie pudelwohl und komme auch mit nur vier Stunden Schlaf gut zurecht. Und hier Tag 5 in Bildern:

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