Tag 1 – Von Edale nach Crowden (25.5 Kilometer, 793 Meter Anstieg)

Nach einer kurzen, unruhigen Nacht und einem ceralienhaltigen Frühstück breche ich gegen 7 Uhr morgens auf Richtung „The Old Nag’s Head„, dem offiziellen Startpunkt des Pennine Ways. Es herrscht Bombenwetter. Die Sonne strahlt auf Edale herab. Besser kann ein solches Abenteuer gar nicht beginnen. Trotz des Schlafmangels fühle ich mich fit und bin überglücklich, dass es endlich losgeht.

The Old Nag's Head, offizieller Startpunkt des Pennine Ways.

The Old Nag’s Head, offizieller Startpunkt des Pennine Ways.

Der erste Wegweiser zur Upper Booth Farm.

Ich setze den ersten Schritt auf dem Pennine Way und könnte weinen vor Glück. Es ist real. Es ist Wirklichkeit. Ich durchquere die ersten Schafsweiden und bin so außer mir, dass ich jedem einzelnen Tierchen einen „Guten Morgen“ wünsche. Die schauen mich mit großen Augen an und sehen zu, dass sie das Weite gewinnen. Englische Schafe sind eben keine großen Socializer.

Nun geht es weiter Richtung Upper Booth Farm und einen verschlungenen, steinigen Pfad entlang bis zur Jacob’s Ladder, dem ersten steilen Aufstieg des Tages.

Um die Uhrzeit ist hier noch niemand auf den Beinen. Ich genieße die Stille, die Menschenleere und muss mich zusammenreißen, damit ich nicht alle paar Meter stehenbleibe und Fotos knipse oder einfach nur mit offenem Mund dastehe und staune.

Jacobs's Ladder. Morgendliche Körperertüchtigung im Freien.

Jacob’s Ladder. Morgendliche Körperertüchtigung im Freien.

Benannt ist der Anstieg nach Jacob Marshall, einem Farmer, der diesen Weg im 18. Jahrhundert für Packpferde befestigen ließ. Bevor ich den Aufstieg beginne, lasse ich mich für ein kleines zweites Frühstück unterhalb der Brücke nieder und lasse mich von den Sonnenstrahlen wärmen.

Einfach ein herrlicher Morgen!

Einfach ein herrlicher Morgen!

Dann geht es rauf auf die Stufen, die sich recht steil um den Hügel herumwinden, aber durchaus gut zu meistern sind. Oben angekommen habe ich meine erste kleine Hürde hinter mir und als Belohnung bietet sich mir eine zauberhafte Aussicht.

Nun geht es weiter bergauf Richtung Edale Rocks, einer seltsamen Felsformation aus übereinandergeschichteten Steinen. Dieser Ort bietet perfekten Windschutz und komfortable Ruheplätze für ein Picknick oder ein kleines Nickerchen.

Edale Rocks. Eine perfekte Picknickoase.

Edale Rocks in der Ferne. Eine perfekte Picknickoase.

Allmählich füllt sich der Pennine Way mit anderen Hikern, die sich wie ich im Schutz der Edale Rocks zu einer Verschnaufpause niederlassen. Ich finde einen steinernen Sessel, schlüpfe aus Schuhen und Socken und genieße einen Müsliriegel im Sonnenschein. Die Aussicht ins Tal ist atemberaubend.

Ein vorbeilaufendes Pärchen wünscht mir viel Glück auf meiner Reise, aber das brauche ich gar nicht mehr, denn ich bin bereits überglücklich. Mir wird hier oben klar, dass hier draußen der Schlüssel liegt zu einem erfüllten Leben, diese Freiheit des Eroberns, des Entdeckens, das Durchatmen in dieser sagenhaften Kulisse. Was braucht es mehr, um zu erkennen, wie schön diese Welt sein kann. Ich könnte ewig hier sitzenbleiben, aber ich muss weiterziehen. Mein Rucksack ist schwer und er wirft mich bereits jetzt um Meilen zurück. Aber ich fühle keine Schmerzen und bin zuversichtlich, dass ich es stemmen kann.

Mein Weg führt mich nun quer über das Kinder Plateau, durch eine abwechslungsreiche Hochmoorlandschaft vorbei an Sandsteinriesen und Felsnasen, die von gewaltigen Kliffen in die Tiefe ragen.

Ich gelange schon bald zum höchsten Wasserfall des Peak Districts, dem Kinder Downfall, der 30 Meter weit in die Tiefe rauscht. An windigen Tagen wie diesem wird das Wasser nach oben geblasen, sodass es auf das Plateau zurückweht. Es ist sozusagen ein umgekehrter Wasserfall.

Kinder Downfall. Ein Wasserfall, der bei Wind in alle Richtungen sprüht.

Kinder Downfall. Ein Wasserfall, der bei Wind in alle Richtungen sprüht.

Der Pfad ist jetzt nicht mehr überall eindeutig auszumachen. Und nun begehe ich den ersten Fehler. Ich sehe an den Wegesrändern aufgetürmte Steinhaufen und anstatt mich an meine Karte zu halten, nehme ich an, dass dies die Markierungen für den Pennine Way sind, damit der Pfad auch bei hohem Schnee noch sichtbar bleibt. Hierzu muss ich sagen, dass der Pennine Way kaum beschildert ist und man wirklich gute Navigationsfähigkeiten benötigt, das heißt eine detaillierte Karte und Kompass sind ein absolutes Muss und natürlich muss man beides auch benutzen können. Mir ging es leider viel zu oft so, dass ich aus Bequemlichkeit dachte: „Ach ich frag jetzt einfach den Typen, der mir da entgegenkommt. Der wird schon wissen, wo es langgeht.“ Falsch! Ganz falsch! Die Engländer scheinen den Satz: „Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen“, nicht zu kennen. Aus Höflichkeit versuchen sie alles, um dir die Richtung zu weisen, doch während der ersten zwei Tage habe ich fünf Leute gefragt und habe mich drei Mal verlaufen. Guckt auf die Karte! Vertraut nur euch selbst und den Merkmalen eurer Umgebung! Das ist meine erste Lektion, die ich bitter lernen musste.

Ein unachtsamer Moment und man landet prompt in der falschen Richtung.

Ein unachtsamer Moment und man landet prompt in der falschen Richtung.

Zum Glück stoße ich nach ein paar hundert Metern auf ein Pärchen, das mir zu verstehen gibt, dass der Weg ins Nirgendwo führt. Sie scheinen ohne Karte unterwegs zu sein und ich lasse sie einen Blick auf meine werfen. Ich frage mich, wie sich jemand ohne Karte in dieses Gelände wagen kann. Erst gestern verirrte sich ein Pärchen in dieser Gegend und konnte erst nach 13 Stunden zum Glück lebend geborgen werden. Jetzt werfe auch ich einen längeren Blick auf die Karte und sehe meine Dummheit ein. Alles ist eindeutig. Wir müssen wieder zurück, einen Fluss überqueren und dann den Berg weiter rauf in die andere Richtung.

Wieder auf dem richtigen Pfad klettere ich weiter bergauf. Doch wer bergauf steigt, der muss ja zwangsläufig irgendwann auch wieder runtersteigen. Ich muss wirklich sagen, mir sind Aufstiege trotz der körperlichen Anstrengung lieber als Abstiege, denn die Knie verzeihen dir das selten. Und der Abstieg vom Kinder Plateau, der jetzt vor mir liegt ist ziemlich steil und nur mit kleinen Steinen versehen. Jeder Schritt muss jetzt wohl überlegt sein, denn ein Abrutschen ist schnell garantiert. Zum Glück regnet es nicht, denn dann sind die Steine so rutschig, dass ein Weitergehen ziemlich gefährlich sein kann.

Und prompt als ich auf der Mitte des Weges darüber nachdenke, zieht eine dunkle Wolke herüber und ein Bach ergießt sich über mir. Der Regen peitscht mir ins Gesicht. Ich werfe meinen Rucksack neben mich und ziehe den Regensack darüber. Dann hülle ich mich selbst in meine Regenjacke. Ich wage es kaum, weiterzugehen, doch ich kann ja schlecht mitten auf dem Abstieg stehenbleiben. Also versuche ich so vorsichtig wie möglich, irgendwie den Berg herunterzukommen. Da stoppt mich mitten im schlimmsten Schauer eine Frau in rotem Regencape und beginnt fröhlich auf mich einzureden. Wo ich denn hinwill, was ich denn vorhabe. Ich erzähle ihr, dass ich den Pennine Way gehe und sie wünscht mir eine tolle Reise. Dann drehe ich mich um und höre sie kreischen: „Du campst?! Mein Gott, du hast so viel Zeug auf dem Rücken!“

„Ja, ja“, erwidere ich kurz, denn ich muss weiter.

„Ich drehe erstmal um, aber nachher hole ich dich einfach wieder ein und wir können ein bisschen quatschen“, ruft sie mir noch zu als sie über dem Abhang verschwindet.

Ich frage mich zwar, wie sie das bewerkstelligen will, aber so langsam wie ich vorankomme, könnte es schon sein, dass man mich zweimal einholt. Allerdings sehe ich die Gutste kein zweites Mal.

Ich schaffe den Abstieg unversehrt. Natürlich klart der Himmel auf, sobald ich wieder sicheren Boden unter den Füßen habe und ich wage einen Blick zurück:

Der Abstieg meines Lebens. Der Regen hat mich auf halber Strecke überrascht, aber längst nicht untergekriegt.

Auf Mill Hill lege ich eine kurze Verschnaufpause ein und bin gespannt auf den nächsten Part. Doch als ich den Rucksack absetze spüre ich zum ersten Mal die schmerzhaften Druckstellen an Hüfte und Schultern. Nacken und Rücken haben sich ziemlich verspannt, meine Knöchel brennen. Komischwerweise sind meine Füße unbeschadet und ich spüre keine einzige Blase aufkommen.

Ich hätte an dieser Stelle etwas essen sollen, einen warmen Kaffee trinken, meinem Körper irgendetwas Gutes tun. Und hier beginnt Fehler Nummer zwei: Ich raste zwar noch relativ häufig, aber weitem nicht lang genug und bis auf ein paar Bissen von einem Müsliriegel habe ich seit Stunden nichts gegessen. Auch wenn ich keinen Hunger verspüre, sollte ich mich zwingen, zu essen. Doch ich denke immerzu: „Ja, ich mache eine ordentliche Essenspause, wenn ich den nächsten Aufstieg geschafft habe.“ Und wenn ich den gemeistert habe, sage ich mir: „Ach eigentlich könnte ich auch noch den nächsten schaffen, aber dann…“. Falsch! Regelmäßige Pausen und ausreichend Energiezufuhr sind überlebenswichtig! So ein Fußmarsch entzieht dem Körper Unmengen von Energie. Außerdem kann sich der Körper wieder etwas regenerieren und die Motivationskurve steigt. Ich lerne daraus, ich muss mir einen Alarm stellen, am besten alle zwei Stunden eine Pause und einen Snack, alle vier Stunden eine richtige Mahlzeit. An diesem Tag aber überschätze ich mich und ignoriere den gesunden Menschenverstand. Eine Lektion, die ich bald sehr eindringlich lernen werde.

Der nächste Schauer setzt ein, der Himmel zieht sich zu. Ich will weiter und raffe mich auf. Eigentlich kommt jetzt genau der Part, auf den ich mich am meisten gefreut habe, ein endloser, flach verlaufender Steinweg mitten durch Fetherbed Moss. Doch es kommt ganz anders. Mich erwischt die erste Depression. Mein Rücken schmerzt unvorstellbar, die Last meines Rucksacks scheint jetzt unerträglich. Ich laufe durch die einsame Moorlandschaft und die Tränen laufen mir unaufhörlich übers Gesicht. „Ich muss den Verstand verloren haben. Was hab ich mir nur dabei gedacht“, höre ich mich laut vor mich hinbrummen.

Der nicht enden wollende Pfad durch Fetherbed Moss. Körperlich einfach, psychisch eine Herausforderung.

Der nicht enden wollende Pfad durch Fetherbed Moss. Körperlich einfach, psychisch eine Herausforderung.

Dann erblicke ich hinter mir einen Wanderer näherkommen, der sich mit seinen zwei Spazierstöcken und seinem hellen Sonnenhut fast hüpfend auf den Steinplatten vorwärtsbewegt. Ich halte inne, um ihn vorbeizulassen und komme prompt ins Gespräch. Er will den Pennine Way in 14 Tagen bezwingen, übernachtet in Pensionen und trägt nur einen Proviantrucksack bei sich. Ich beneide ihn plötzlich um sein Fliegengewicht und erzähle ihm kurz meine Pläne. Wir wünschen uns Glück und er ruft mir aus der Ferne zu: „Wir sehen uns im Border Hotel!“ (Das ist der Endpunkt des Pennine Ways).

Die kurze Begegnung mit dem fröhlichen Wandergesellen muntert mich auf, meine Lebensgeister kehren allmählich zurück. Der Mann mit dem Sonnenhut scheint geradezu über den Pfad zu fliegen. Er ist mir schon bald um Meilen voraus. Manchmal leuchtet sein Hut als kleiner Punkt noch weit weg am Horizont auf. Irgendwie schöpfe ich Mut daraus und ich beschließe, mir seinen Optimismus als Vorbild zu nehmen. An dieser Stelle sei gesagt: Rechnet mit solchen Tiefpunkten. Besonders, wenn die Sonne verschwindet und man schweren Witterungsbedingungen ausgesetzt ist, sinkt die Motivation. Diese Momente sind oft nicht zu vermeiden. Sie gehören einfach dazu. Eine solche Unternehmung ist harte körperliche Arbeit. Wichtig ist, sich immer wieder aufzurappeln.

Nach Stunden erreiche ich die A 57 und überquere den Snake Pass.

Ein neuer Pfad liegt vor mir.

Ein neuer Pfad liegt vor mir.

Ich brauche eine Pause, aber kein Plätzchen scheint mir gut genug. Doch ich muss mal dringend wohin und überwinde mich schließlich. Nach fünf Minuten breche ich wieder auf und erblicke im Gras vor mir einen weißen Wollhaufen. Ich vermute ein schnuckeliges Schaf am Wegesrand, doch als ich näherkomme sitzt da eine alte Frau mit weißer Wallemähne, die mich ungeniert mit ihrem Fernglas beäugt. Als ich näherkomme lässt sie es schließlich sinken und plappert fröhlich auf mich ein. Und wieder erkläre ich kurz, was ich tue und ernte gute Wünsche für meinen Weg. Und die kann ich brauchen, denn ich gerate in die Fänge des Teufels, ich erreiche Devil’s Dike.

Hier führt mich mein Weg durch eine schluchtartige Torf- und Graslandschaft, vorbei an Baumwollgräsern und Heidelbeersträuchern, die nicht so einfach zu navigieren ist. Immer wieder muss ich mich vergewissern, dass ich noch in die richtige Richtung gehe. Ich überquere zahlreiche Bäche, stapfe durch moddrige Erde und nähere mich langsam einem neuen Berg. Doch dann verliere ich den Überblick.

Da taucht hinter mir eine Gruppe Jugendlicher auf, die ich gleich mal in Beschlag nehme und die Ortslage abgleiche. Sie sind ebenfalls auf dem Pennine Way unterwegs und der Kleinste von ihnen ist mit Karte und Kompass ausgestattet. Er läuft erstmal rot an, als ich ihn anspreche und stottert etwas unbeholfen rum. Ich werde nicht richtig schlau aus seinem Gemurmel, aber zumindest bin ich jetzt auf der Karte wieder eingenordet. Die Jungs ziehen grüßend an mir vorbei und ich hinterdrein.

Kurze Zeit später passiere ich die Gruppe erneut, die inzwischen Rast eingelegt hat. Ich wundere mich, warum jetzt plötzlich alle rot anlaufen und zu kichern anfangen. Ich vermute mal pubertäre Gründe, aber dann sehe ich meinen Kartenleser mit dem Rücken zu mir am Wegesrand stehen. Eine leichte Brise sagt mir alles: Der pinkelt hier urgemütlich mitten auf den Pennine Way. Nein, ich habe ihn nicht an die Schulter getippt und ihn auf die Unflätigkeit aufmerksam gemacht. Ich muss nur schmunzeln, denn ich meine das Szenario ist für einen Berliner so ziemlich alltäglich.Es geht weiter, immer vorwärts über Stock und Stein.

Irgendwie mag ich es nicht, wenn Leute hinter mir laufen und mich eh wieder einholen werden, also mache auch ich bald Rast und warte bis der Trupp weitergezogen ist.

Dann beginne ich den 633 Meter hohen Aufstieg auf Bleaklow Head.

Der Gipfelpunkt von Bleaklow Head.

Der Gipfelpunkt von Bleaklow Head.

Hier versuche ich meine Schuhe zu entlüften und meine Söckchen zu trocknen, doch es ist viel zu kalt hier oben. Als ich mich wieder einkleide, ruft mir von Weitem jemand zu: „Entschuldigung! Ist das der Pennine Way?“ Ein junger, ratlos wirkender Mann stürmt auf mich zu. „Ja, das sollte er sein“, antworte ich nicht sehr präzise. Der Jungspund irrt mit seiner Mutter umher. Beide sind mit Karte ausgerüstet, sich aber nicht mehr sicher, wo sie sind. Ich zeige ihnen ihre Position auf der Karte und fühle mich seltsam als geografischer Ratgeber. „Ach wir folgen dir einfach“, witzelt die robust wirkende Frau und ich erwidere selbstreflektierend: „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“ Doch als ich weiterlaufe und zurückblicke scheinen die beiden umgekehrt zu sein. Für Meilen läuft niemand mehr hinter mir.

Am Gipfelpunkt geht es links ab und der Weg führt nun über drei langgezogene Berge mitten durch purpurnes Heidekraut. Es ist ziemlich windig hier oben und gerade jetzt muss ich meine Kontaktlinsen erneuern, denn meine Augen können die Umgebung nur noch schwach erkennen. Ich finde eine windgeschützte Stelle hinter einem Felsen, hocke mich hin und stochere mir in den Augen herum. Ich stelle mir vor, wie das Ganze für einen Außenstehenden aussehen muss und lache instinktiv über meine Verrenkungen mitten im Nirgendwo.

Es ist bereits Abend und ich habe noch nichtmal eine Ahnung, ob der Campingplatz überhaupt noch Platz für mich hat in der Ferien- und Urlaubssaison. Im Laufe des Tages konnte ich dort niemanden erreichen. Immer wieder schaue ich mich in der Landschaft nach geeigneten Plätzen um, wo ich zur Not mein Nachtlager aufschlagen kann. Wild campen ist in England zwar illegal, weil der größte Teil des Landes in privater Hand ist, aber wenn man es diskret angeht, d.h. das Zelt erst bei Dämmerung aufstellt und im Morgengrauen wieder abbaut, fällt das hier unter so eine Art Toleranzschwelle.

Doch ich kann beim besten Willen keine sichere Stelle ausfindig machen. Also heißt es weitermarschieren. Meine Kräfte sind inzwischen auf Sparflamme, ich schleiche mehr als dass ich laufe. Ich versuche die Schmerzen im Rücken so gut es geht auszublenden. Jeder Schritt bringt mich näher ans Ziel. In der Ferne sehe ich den Hügel enden und ich hoffe, dass dahinter das Tal mit dem Campingplatz liegt, doch als ich dort anlange, wird mir klar, dass mir ein weiter Ab- und Aufstieg bevorsteht und von meinem Ziel ist weit und breit keine Spur.

Der Weg führt jetzt so nah am Abhang entlang, dass ich mich leicht nach links beugen muss, um nicht rechts hinunterzupurzeln. Ich bin unendlich erschöpft und unsagbar müde, muss mir ständig gut zureden und genau auf den Pfad achten. Es ist so hart, dass ich nicht glauben kann, dass es wirklich passiert, dass ich wirklich noch weiterlaufen kann. Aber es geht, irgendwie muss es gehen. Und dann nach weiteren zwei Stunden sehe ich endlich das Torside Reservoir, an dem mein Campingplatz liegt. Ich stoße einen Freudenschrei aus und versuche alle meine Reserven zusammenzusammeln.

Torside Reservoir und ganz hinten rechts auf der anderen Seite im kleinen Waldstück versteckt sich der Campingplatz von Crowden.

Torside Reservoir und ganz hinten rechts auf der anderen Seite im kleinen Waldstück versteckt sich der Campingplatz von Crowden.

Doch das Leben ist eine harte Schule, denn als ich um die nächste Kurve biege, werde ich gewahr: Ich bin noch längst nicht am Ziel. Ein weiter Hügel wartet auf mich. Ich fühle mich furchtbar, völlig zerstört, desillusioniert, aller meiner Kräfte beraubt. Wäre ich nicht so eine sture Person, ich hätte mich mitten auf den Pfad gelegt und wär da einfach kompromisslos liegengeblieben. Doch ich habe mir ein Ziel gesetzt und ich glaube nach wie vor daran. Ich bin so weit gekommen, ich werde jetzt nicht aufgeben. Fluchend kraxle ich weiter, den riesigen Abhang hinunter ins Tal. Meine Kniescheibe droht aus dem Gelenk zu brechen. Doch der Schmerz kann mich jetzt mal. Ich muss jetzt nur noch um den See herum und dann wird alles gut.

Meine Konzentration ist so geschädigt, dass ich glatt den Wegweiser verfehle und wieder am völlig falschen Ende lande, doch ich finde dank eines Fahrradfahrers zurück auf den Pennine Way, überquere eine Brücke. Ich treffe den freundlichen Mountainbiker im nächsten Waldstück wieder und er will sich vergewissern, dass ich in Ordnung bin. Also steigt er ab und erklärt mir nochmal genau, dass ich jetzt einfach nur dem Pfad durch den Wald folge und ich komme genau am Campingplatz raus. Dann fragt er mich nochmal, ob ich wirklich in Ordnung bin. Ich verspreche ihm, dass ich es schaffe und schöpfe nochmal etwas Kraft aus dieser menschlichen Geste.

Der Weg durch den Wald scheint nicht zu enden. Ich versuche, an etwas Schönes zu denken, aber ich kann einfach nicht mehr denken, ich will nur ankommen.

Die letzte Etappe führt mitten durch einen Zauberwald.

Die letzte Etappe führt mitten durch einen Zauberwald.

Und dann, als ich schon nicht mehr daran glauben kann, taucht das Schild des Campingplatzes vor mir auf. Ich bin angekommen! Nach 13 Stunden Fußmarsch. Um Himmels Willen, ich bin da! Ich werfe meinen Rucksack erstmal ab und weine vor Glück und ich kann gar nicht mehr aufhören. In meinem ganzen Leben werde ich dieses Gefühl nie mehr vergessen.

Etwas verschwommen, aber das war mein tränengefüllter Blick auch beim Anblick des Campingplatzschilds.

Etwas verschwommen, aber das war mein tränengefüllter Blick auch beim Anblick des Campingplatzschilds.

Leider habe ich kein Foto vom Campingplatz gemacht, denn nach Zeltaufbau, Wäsche waschen, heißer Dusche und zahlreicher Gnitzenbisse war ich dazu nicht mehr in der Lage. Ich bereue das ein wenig, denn dieser Campingplatz in Crowden ist wirklich sehr empfehlenswert. Und ich wurde sehr herzlich aufgenommen. Als ich an der Rezeption klingelte, kam mir eine warmherzig lächelnde Dame entgegen und fragte mich einfach nur: „Bist du müde?“ Und ich sagte: „Ja, sehr. Ich laufe den Pennine Way und komme aus Edale.“ Und alles, was sie sagte, war: „Ich weiß.“ Und ihre Augen blinzelten mir dabei freundlich zu.

Ein Gedanke zu “Tag 1 – Von Edale nach Crowden (25.5 Kilometer, 793 Meter Anstieg)

  1. […] Stefanie Röfke ist am 28. August los marschiert – und berichtet mit schonungsloser Offenheit und  wunderschönen Fotos von ihrem Kampf mit dem und um den Weg. Davon, dass sie nach zwei Tagen zusammengebrochen war und eigentlich aufgeben wollte. Sich dann aber wieder aufgerappelt hat und weiter gewandert ist. […]

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