Von wegen Trinkerbude – Die englische Pubkultur

Nachdem ich jetzt fast ein halbes Jahr im Norden Englands lebe, wird es mal wirklich Zeit, sich dem Lieblingszeitvertreib der Briten zuzuwenden: dem Pubbesuch. Diese feucht fröhliche Tradition ist keine Erfindung der Moderne, denn sie geht bis in die Zeit zurück, als die Römer die Insel im Jahre 43 nach Christi eroberten.

Eine Institution mit Geschichte
Die trinkfesten Lateiner ließen ganz wie daheim an wichtigen Knotenpunkten Tavernen errichten, in denen vorwiegend Wein, aber bald auch Bier ausgeschenkt wurde. Das konfuse Durcheinander von solchen Spelunken fand dann im Mittelalter in geregeltere Bahnen, als der englische König Richard II. (1367 – 1400) Ale-Tester ausschickte, die die Qualität des Bieres prüfen sollten. Um als solches erkannt zu werden, musste jedes Alehaus ein sichtbares Zeichen über der Tür führen. Da nun im Mittelalter die Masse der Bevölkerung nicht lesen konnte, entstanden auf diesem Wege die bunten, phantasievoll gezeichneten Pubschilder, die noch heute verbreitet sind.

Trank und Speis zum fairen Preis
Doch in den Pubs wird nicht nur ausgeschenkt, sondern auch ordentlich deftig aufgetischt. Das Speisen- und Getränkeangebot ist zwar nicht so vielfältig wie in einem richtigen Restaurant, aber man bekommt zumindest die gängigsten Gerichte schmackhaft zubereitet und zu fairen Preisen. Bedient wird man in einem englischen Pub jedoch nicht. Bestellt und bezahlt wird vorab am Tresen. Auch ein bereits benutztes Glas wird gern mehrmals aufgefüllt.

Das Pub-Quiz
Zu den beliebtesten Abendbeschäftigungen der englischen Pubs gehört die Ausrichtung thematischer Quizabende. Ich erinnere mich, wie mein Engländer und ich bei einem meiner ersten Pubbesuche in London in einen solchen hineingeplatzt sind. Wir saßen schon eine Weile in einer kuscheligen Ecke und debattierten bei Wein und Bier über unsere Kindheit in der DDR und Großbritannien, als plötzlich die Musik verstummt und der Moderator verschiedene Quizfragen aus den Bereichen Entertainment, Film und Musik in den Raum wirft.
Ich bekomme zunächst wieder mal überhaupt nichts mit und beschwere mich bei meinem Engländer nach einer halben Stunde genervt, warum der DJ so eine Quasselstrippe ist und keinen einzigen Song mehr spielt. So ein Saftladen!
Da schauen mich zwei kecke Äuglein schelmisch von der Seite an und ein freches Grinsen erscheint auf dem Gesicht meines Begleiters. “Steff, ist dir eigentlich aufgefallen, dass die Leute um uns herum an den Tischen Papier und Stifte gezückt haben? Hm was machen die nur?”
Ich bin etwas perplex, hey ich bin Ausländer und kenne mich mit den Gepflogenheiten hier doch nicht aus. Weiß ich doch nicht, was man normalerweise hier so treibt. “Äham”, räuspere ich mich etwas verlegen, komme aber immer noch auf keinen grünen Zweig.
“Okay ich helfe dir mal etwas auf die Sprünge, hier findet gerade ein Quiz statt.”
“Ach so, na, nee, dann ist klar.” Ein bisschen Musi hätte mir zwar mehr zugesagt, aber gut, ich will mal nicht meckern.
Ich habe keine rechte Ahnung, was da am Ende bei so einem Quiz herausspringt, aber die Beteiligten sind so eifrig am Kritzeln, dass es sich lohnen muss. Vermutlich Spirituosen und Essigchips for free.

Gemischtes Publikum
Und wer jetzt meint, so ein Quiz ist ja wohl eine rechte Seniorenveranstaltung, der irrt mal wieder gewaltig. Hier sitzen Jung und Alt beieinander und trainieren ihre fürs Rätseln und Raten zuständigen Gehirnzellen.
Und das ist das Schöne an der englischen Pubkultur. Hier kommen die verschiedensten Generationen zusammen, ob weißer Haarkranz oder trendige Teenifrisur, Gruftioutfit oder Biedermeierkrawatte, Higheels oder Flipflops, Philosoph oder Installateur, sie alle finden am Tresen eine gemeinsame Sprache: Cheers!

Zur Hammelschulter
Mein absoluter Lieblingspub befindet sich direkt in unserem Dorf. Insgesamt acht Pubs teilen sich in Slaithwaite das bierliebende Volk, aber nur einer ist mein persönlicher Favorit: das Shoulder of Mutton (zu deutsch: Hammelschulter). Ich finde den Namen ziemlich originell, muss aber bald lernen, dass es mindestens noch hundert weitere gleichnamige Pubs in der Gegend gibt, genauso wie “White Swan”, “Commercial”, “The Crown” und so weiter. Irgendwann sind den Wirten oder “Landlords”, wie man diese hier nennt, wohl die Ideen ausgegangen. Irrwitzige Copyright-Prozesse jedenfalls scheint es auch hier wieder nicht zu geben.
Es ist ein ziemlich winziges Pub, das mit 40 Leuten schon knackevoll zu nennen ist, aber es versprüht mit seinen Feuerstellen, den weichen Sitzbänken und dem dunkelroten Teppichboden einfach urige Gemütlichkeit. Ein wenig gewinnt man den Eindruck, man befinde sich tatsächlich in Großmutters heimatlicher Stube. Das kommt daher, dass es einst tatsächlich üblich war, die Dorfgemeinschaft ins eigene Wohnzimmer einzuladen und dort zu bewirten.

Vor meinem Lieblingspub im Winter 2014.

Vor meinem Lieblingspub im Winter 2014.

Livemusik auf engstem Raum
Ein besonderes Highlight sind die Livebands, die hier regelmäßig auftreten. Dann verwandelt sich das Lokal in ein donnerndes Konzertwohnzimmer.

Rockiges Weihnachtskonzert 2014.

Rockiges Weihnachtskonzert 2014.

Mein erstes kleines Konzert habe ich kurz nach meiner Ankunft hier in England erlebt. Dummerweise habe ich den Namen der Band vergessen, aber der Sänger hieß Stuart und ist ein ziemlich sympathisches Bürschchen. In der Pause saß er etwas verloren und erschöpft an einem der Tische, und da ich schon zwei, drei Jägermeister und vielleicht ein Gläschen Chardonnay vertilgt hatte, war ich mutig genug, ihn anzusprechen. Nachdem er erfuhr, dass ich aus Deutschland komme und mit einem Briten liiert bin, bietet er mir gleich sein Mikrophon an: “Na komm, willste ihm ‘nen Antrag machen? Ich moderier auch an.”
Die Idee hat irgendwie was, aber ich will meinen Engländer, der sich gerade am Tresen noch ein Bierchen bestellt, mal nicht gleich überfordern. Also lehne ich dankend ab. Dann ist die Pause vorüber und Stuart zurück auf der Minibühne, doch anstatt gleich wieder loszuträllern, schnappt er sich das Mikrophon und lässt mich erstmal auffliegen:
“Bevor es weitergeht, wir haben hier heute Abend zwei Turteltäubchen unter uns. Stefanie und … äh, egal, jedenfalls Stefanie ist aus Deutschland. Schön, dass du bei uns bist. Herzlich willkommen in England!”
Wow, ich bin zu Tränen gerührt. Mein Engländer schaut mich mit großen Augen an und ich lächle zurück, als wäre das einfach irgendwie passiert. Dann setzt die Musik ein und wir wiegen weiter ausgelassen im Takt.
Ich habe Stuart und seine Band am letzten Wochenende zufällig wiedergetroffen. Diesmal mit Mama und Schwester an meiner Seite. Dabei sind diese tollen Fotos entstanden:

Die Pubbands covern meistens bekannte Titel zum Mitsingen, bringen aber trotzdem immer auch ihren eigenen Stil mit ein und was mich vor allem begeistert, sie sind durch und durch passionierte Musiker und lieben das, was sie tun und das merkt man auch:

Die Bandmitglieder mischen sich in der Pause unter das trunkene Fußvolk, scherzen, tätscheln und bechern selbst auch ganz schön was weg. Mir gefällt diese vertraute Atmosphäre und ich kann gar nicht genug kriegen von den lautstarken Sessions in meinem Lieblingspub. Meist sind die Gäste schon hackedicht, bevor die Bands aufspielen und je später der Abend, desto ungenierter verrenken sich die Engländer auf der kleinsten Freifläche zwischen Toilettengang und Lautsprecheranlage. Genau wie bei einem großen Rockkonzert gibt es auch hier treue Fans und sogar Groupies, die die Stars des Abends umgarnen und es mitunter sogar auf die Bühne schaffen.

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Zwei weibliche Fans im Hintergrund :).

Last order!
Leider wird in den meisten englischen Pubs ab 11 Uhr abends kein Alkohol mehr ausgeschenkt. Diese Sperrfrist, die nur in den größeren Städten etwas nach hinten ausgedehnt wurde, hatte man 1915 eingeführt, angeblich um zu verhindern, dass die Arbeiter sich nicht bis in die Puppen hinein betranken und dann verkatert zur Arbeit erschienen. Heute säuft man eben zu Hause weiter, der heimische Kühlschrank liefert Bier rund um die Uhr.
Im Grunde ist das aber auch nicht wirklich schlimm, bedenkt man, dass der Brite sein Feierabendbierchen nicht am eigenen Fernseher in sich hineinkippt, sondern mit Freunden und Kollegen gleich nach der Arbeit in den Pub zieht, wo er oft auch schon die Mittagspause zugebracht hat. Daher beginnt die Trinkerei auch schon recht früh und hat meist gegen elf Uhr eh ihren ultimativen Höhepunkt erreicht. Natürlich ist nicht jeder Pub ein Ort gepflegter Geselligkeit, doch meist kann man schon von außen erkennen, ob die Chemie stimmt.

Leider ist mit der letzten Wirtschaftskrise auch in England das große Pubsterben ausgebrochen und ich hoffe sehr, dass die urigen Alehäuser mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre und der charmanten Gelassenheit nicht irgendwann im Nebel der Geschichte verschwinden. Darauf lasst uns einen trinken!

Ein Gedanke zu “Von wegen Trinkerbude – Die englische Pubkultur

  1. Eine schöne Liebeserklärung. Und ich finde das ja zu witzig, dass die Engländer schon mittags einen bechern. Selbst die Wanderer. Wir haben das ganz fasziniert beobachtet, wie sie sich leicht schwankend auf den weiteren Weg machten.

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