Als der Mond in den Kanal fiel – Moonraking in Slaithwaite

Festivalstimmung in Slaithwaite
Meine neue Heimat steckt voller Überraschungen. Immer wieder gibt es hier Neues zu entdecken, das mal witzig, mal abenteuerlich, mal charmant, aber meistens eben auch sonderbar und eigenartig kurios daherkommt.

In Berlin ist bekannterweise ja `ne Menge los. Events, Konzerte, Kultur im Überfluss. Die Auswahl ist so riesig, dass man oft nicht weiß, wohin das Tanzbein richten. Aber wer jetzt meint, dass auf dem kleinen englischen Dörfchen, verglichen mit der Partystadt ja wohl nicht viel los sein kann, dem muss hier mal sein ahnungsloses Köpfchen gehörig gewaschen werden.

Die Engländer lieben ihre kuscheligen Nester und bemühen sich wirklich sehr um das seelische Wohl ihrer Gemeinden, und seien sie noch so einwohnerarm. Das Wörtchen Regionalkultur wird hier noch groß geschrieben. Und so hat jeder Ort eine reiche Palette an traditionellen, über Generationen gereiften Bräuchen und Festen. Und so ist es auch bei uns in Slaithwaite (sprich Slawit). In jedem ungeraden Jahr im noch immer klirrend-eisigen Februar ereignet sich hier ein Spektakel, das wirklich einzigartig ist. Schon Wochen vorher beginnt das geschäftige Treiben und hinter Türen und Fensterläden werkeln eifrig Jung und Alt an überdimensional erstaunlich geformten Papierkunstwerken. Doch, es ist kein Origami-Wettbewerb, der hier ausgetragen wird, und auch kein bizarrer Bastelzirkel für einsame Beschäftigungslose. Was hier stattfindet, hat wirklich Charme und Rafinesse: Es ist Zeit für das Moonraking-Festival.

Die gestohlene Legende
“Hä? Was für `n Festival?” Ja, ja, ich weiß schon. Um diese Frage mit aller Seriösitat und fachlichen Präzision beantworten zu können, müssen wir das ungeölte Rädchen der Geschichte mal kurz etwas zurückdrehen. Begeben wir uns in das ausgehende 18. Jahrhundert, in ein kleines Örtchen namens Wiltshire im südlicheren England. Hier entspringt eine Legende, die in gewisser Weise eine wahre Copyrightaffäre nach sich zog, aber widmen wir uns zunächst der neckischen Geschichte:

Sie spielt zu einer Zeit, als der Schmuggel von alkoholischen Getränken (wen wundert es) in England noch Hochkonjunktur hatte und streng, aber oft recht vergeblich verfolgt und geahndet wurde. Und so begab es sich, dass in einer hellen Vollmondnacht eine Bande von Schmugglern an einem Teich in Wiltshire zusammenkam. Hier hatten die cleveren Schluckspechte zuvor illegal ein paar Flaschen Schnaps im Dorfteich versteckt, die sie nun mittels hölzerner Harken herauszufischen versuchten. Im Eifer des Gefechts vergaßen sie wohl, ein wachsames Auge auf ihre Umgebung zu werfen. Und als sie so im Wasser herumstocherten, näherte sich ihnen eine Gruppe von örtlichen Steuereintreibern, die vermutlich aus privater Tristesse heraus Patrouille schoben. Diese waren sich sicher, eine Gruppe von Kriminellen auf frischer Tat ertappt zu haben und stellten den Überraschten nur noch obligatorisch die Frage nach dem Grund der nächtlichen Fischereiaktion. Doch die Spirituosendealer waren nicht auf den Kopf gefallen und so tischten sie den Beamten erstmal eine ziemlich wüste Story auf. Man habe auf dem Grund des Teichs einen riesigen runden Käselaib entdeckt, den man nun versuche herauszufegen. Die Geldeintreiber blickten auf die spiegelglatte Wasseroberfläche, in der sich der Mond prall und rund spiegelte. Das überzeugte die werten Herren wohl kaum, aber sie glaubten nun, dass sie es mit völlig minderbemittelten Dorftölpeln zu tun hatten, ließen von der Sache ab und zogen lachend von dannen. Wer in der Geschichte der Dumme war, ist dann auch ziemlich offensichtlich. Jedenfalls ist das so eine Art englischer Schildbürgerstreich, der eng mit der Geschichte Wiltshires verknüpft ist. So eng, dass man die Bewohner des Ortes auch “Moonraker” nennt.

Eine alte englische Postkarte aus dem Jahr 1903 zeigt die Moonraker-Legende im Original.

Eine alte englische Postkarte aus dem Jahr 1903 zeigt die Moonraker-Legende im Original.

Kurioserweise ist diese Legende so populär und beliebt geworden, dass sie von anderen Orten in England einfach mir nichts dir nichts kopiert worden ist. Und so kam es, dass auch Slaithwaite diese amüsante Begebenheit, mit kleinen lokal bedingten Änderungen, in die eigene Dorfhistorie eingeflochten hat. Und die einstige Raubkopie entwickelte sich bald zu einem derartigen Erfolg, dass man ihr glatt ein ganzes Festival widmete.

Ein anstößiger Mond und kein Brandenburger Tor
Kreiert und organisiert wurde dieses erstmals 1985 von der lokalen Künstlerorganisation the „Satellites“ und der „Slaithwaite Community Association”. Der Erfolg gab den Initiatoren recht und das Festival wuchs, vor allem dank der Hilfe zahlreicher Freiwilliger und eines eigens gegründeten Moonraking Festivalteams zu einer bedeutenden regionalen Attraktion heran. Im Mittelpunkt steht eine Laternen-Prozession mit Hunderten in liebevoller Handarbeit gefertigten Kunstwerken aus feuerfestem Papier. Begleitet von lateinamerikanischen Trommelklängen und jazzigen Rhythmen. Wie das zusammenpasst? Überhaupt nicht, aber gerade deshalb ist Moonraking so seltsam und faszinierend zugleich.

Dieses Jahr feiert das Ereignis mit einer riesigen Laternentorte sein dreißigjähriges Jubiläum und das Motto lautet: „landmarks”, das englische Wort für „Wahrzeichen”. Also erblicke ich um mich herum den Eifelturm, den schiefen Turm von Pisa, den Bahnhof von Huddersfield, den Angel of the North und einen komischen Esel, der sich ständig in meinen Haaren verheddert. Aber weit und breit kein Brandenburger Tor. Na bitte, die Lücke kann also noch gefüllt werden.

Als wir gegen 18 Uhr durch die noch beinah menschenleeren Straßen Slaithwaites schlendern und an der Hauptpromenade einen günstigen Schauplatz ergattern, passiert Ewigkeiten gar nichts. Alles wirkt irgendwie recht unorganisiert, vereinzelt laufen Kostümierte und Laternenträger umher, im Viertelstundentakt tanzt eine seltsame Trommler-Gruppe in neongelben Warnanzügen und grünen Reflektoren vorbei, die aussehen als wären sie eigentlich Angestellte der öffentlichen Straßenreinigung und würden nun mal endlich zeigen können, was sie noch so drauf hätten. Doch alles wirkt recht ziellos. Niemand weiß so recht, ob der Umzug bereits begonnen hat, oder was wann passieren wird. Ich bin mir auch nicht so sicher und vermute eine ausgeprägte Organisationspanne. Ich habe keine Ahnung, wie ein englisches Dorffest so abläuft, und könnte mir vorstellen, dass man es hier im Norden einfach etwas gelassener nimmt. Doch von Minute zu Minute füllen sich dann doch noch die Fußwege und eine gewisse Spannung liegt in der Luft. Ich ärgere mich, dass ich meine Handschuhe zu Hause vergessen habe und meine eisigen Flossen nun tief in meinen Taschen vergraben muss. Dann drängt sich die inzwischen zur Masse angeschwollene Menschenmenge urplötzlich zum Kanal und eine weibliche Stimme leitet über Lautsprecher das Geschehen ein.

Das Spektakel beginnt wirklich märchenhaft. Kurz nach Anbruch der Dunkelheit ertönt plötzlich eine liebliche Schlaflied-Melodie durch die Lüfte. Dazu fährt langsam eine riesige, mit sanft gelbem Licht erfüllte Mondlaterne den Kanal entlang, der sich mitten durch Slaithwaite schlängelt. Begleitet von drei kostümierten Mägden, die ihre langen Holzbesen im Takt der Musik umherschwingen. An der Schleuse im Dorfkern beginnt dann das Moonraking, also das Herausfegen des Mondes aus dem Kanal, der an einer Kranvorrichtung in die Luft befördert wird, bis dieser so circa zweieinhalb Meter über der Wasseroberfläche schwebt. Dann erschallt ein lauter Knall und Tausende weißer Blitze schießen wie ein silbernes Leuchtfeuer aus der Mondlaterne. Nun heißt es Platz machen, denn der Mond (der hier oder allgemein im Englischen übrigens eine „Möndin“ ist) soll an die Spitze der Prozession gebracht werden, wo er bzw. sie den Zug anführen soll. Bei näherem Hinsehen wundert man sich etwas über die Ausgestaltung der imposanten sichelförmigen Laterne, in deren Mitte ein seltsamer, etwas anstößig wirkender Turm aufragt, der für den Moment viele Fragen aufwirft. Am nächsten Tag klärt jemand bei Facebook alles auf. Es sei der Eiffelturm gewesen, redet man sich hier heraus. Na ja, schon etwas merkwürdig, wie ich finde.

Lang lebe Moonraking!
Als der Mond aus unserer Sichtweite verschwunden ist, setzen auch wir uns in Gang und schließen uns dem lustigen Treiben an. Ich tippe auf circa 200 Menschen, die an diesem Abend mit leuchtenden Wahrzeichen bewaffnet in einer riesigen Schlange durch Slaithwaite ziehen (ich bin allerdings im Schätzen reichlich unbegabt). Und so tänzeln wir gut gelaunt, aber auch gut durchgefroren mit Hunderten Engländern zu „Buffallo Soldier” durch die mit Schaulustigen gespickten Gassen von Slaithwaite.

Ein wenig erinnert mich der ganze Spuk an die großen mittelalterlichen Prozessionen, bei denen böse Geister vertrieben werden sollten. Und ein wenig ist es wohl auch so, denn symbolisch steht das Moonraking in dieser Nacht auch für das Hinausfegen der dämonenhaft winterlichen Dunkelheit, die Platz macht für den Frühling mit all seiner Buntheit und Farbenpracht. Und weil ich als Neuankömmling möchte, dass diese Tradition erhalten bleibt, werfe ich, bevor ich mich auf den Heimweg mache, mit vor Kälte steifen Fingern noch eine Münze in den Spendenbeutel.

Literaturtipp:

http://astore.amazon.de/berlgoesnorte-21/detail/B000SBVSDE

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