Unterwegs mit dem Winter Cumbrian Mountain Express

Der zwar recht milde, aber doch recht stürmische, von heftigen Regenschauern gepeitschte Winter in meiner neuen Heimat verlangt einiges an Überlegungen, um nicht ewig in der Stube zu hocken und auf sonnige Tage zu hoffen. Ich gebe zu, dass ich dank wetterfester Kleidung auch gern im Matsch über die Hügel streife, aber mit 1 km/h Höchstgeschwindigkeit eben nicht so weit komme. Also kam ich auf die Idee, dass eine Zugfahrt quer durch den Norden doch gar nicht so übel sein dürfte. Denn wie lässt sich ein Land besser erkunden als mit der guten alten Eisenbahn, in der man sich gemütlich ins Plüsch zurücklehnen kann, während die malerische Winterlandschaft gemächlich am Fenster vorüberzieht. Gesagt, getan. Ein bisschen Recherche im Netz und siehe da: Die Railway Touring Company mit Sitz in Norfolk bietet auf ihrer Webseite Tagestouren mit nostalgisch-schmucken historischen Dampflokomotiven. Na, wenn das nichts ist. Und weil die Idee so gut ankommt, wird daraus gleich ein ganzer Familienausflug.

Es gibt verschiedene Routen, aus denen man wählen kann. Die Züge fahren das ganze Jahr über. Wir wählen den Winter Cumbrian Mountain Express nach Carlisle und wieder zurück. Und das ist die Route:

Route

Um 7 Uhr morgens wird die Lok von Manchester Victoria starten. Also heißt es, früh aufstehen, Bagels geschmiert, Kamera bis zum Anschlag aufgeladen. Als wir mit müden Gesichtern den dunklen Bahnhofsparkplatz erreichen, wissen wir zunächst nicht genau, wohin wir uns orientieren sollen. Da erblicken wir vor uns eine Dreiergruppe Männer in den Fünfzigern, allesamt weißhaarig, mit pinkem Jutebeutel bewaffnet, die Körper in reisetaugliche Anoracks gehüllt. Eben genauso wie man sich die typischen Eisenbahnfans so vorstellt, die man hier umgangssprachlich übrigens “geeks” nennt, was so viel wie Streber, Nerd oder ganz böse auch Freak bedeutet. Grob vereinfacht ein Mensch, der gewisse Spezialkenntnisse auf einem bestimmten, meist naturwissenschaftlichen Gebiet besitzt, sozial jedoch meist etwas unbeholfen herüberkommt. Das Wort selbst stammt ursprünglich aus dem Mittelniederdeutschen. “Geck” besaß damals laut Duden folgende Bedeutung: “ein geistig Behinderter, ursprünglich lautmalend für das unverständlich Gesprochene eines solchen Menschen”. Ich finde das ziemlich bissig und gemein. Haben wir nicht alle unsere Hobbies?

Nun gut, wir folgen also den aufgeweckten Freizeit-Eisenbahnern, die uns sicher zum Gleis führen. Wir sind eine Stunde zu früh vor Ort und vertreten uns die Füße so gut es geht auf dem eisigen Bahnstieg. Ich beobachte die sich vermehrende Menschentraube um uns herum und erblicke Gesichter verschiedenen Alters. Nachdem ich den ersten Sesam-Bagel mit Salatdressing und deutscher Salami verdrückt habe, mir dabei eine halbe Tomate in den Ärmel gerutscht ist, die ich beim besten Willen nicht herausfischen kann, rollt mit dampfendem Getöse die “Lancashire Fusilier” (benannt nach einem britischen Infanterieregiment) in den Bahnhof ein.

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Die Schnauze der Lancashire Fusilier.

An dieser Stelle sei gesagt, dass ich wirklich keine Ahnung – auch nicht den Hauch derselben – von Eisenbahnen habe. Mir sei daher meine allzu laienhafte Begriffswahl verziehen. Fernab von mangelndem technischem Wissen bin ich trotzdem ein großer Fan vom Zugfahren. Wie genau das vonstattengeht, nun gut, man könnte sich informieren … Die in den Dreißiger Jahren gebaute Dampflock aus der Black-Five-Serie (hab ich gelesen :)) mit der roten Schnauze und der an den Seiten offenen Führerkabine mit den goldenen Rädchen und Knäufchen verfügt über eine beeindruckende Optik, das muss ich zugeben. Ich stelle mir vor, dass es während der Fahrt ziemlich heiß und stickig da drin werden kann mit dem Kohleofen und der ganzen staubigen Glut. Doch der Lokführer sieht auch nach Stunden noch gesund und ganz und gar nicht rußgeschwärzt aus.

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Der Lokführer lässt den Trubel geduldig über sich ergehen.

Zuerst rollen die Wagen der ersten Klasse an uns vorüber. Ich erhasche einen Blick durch die vom Morgentau noch feuchten Scheiben. Das Interieur erinnert an ein ehrwürdiges englisches Herrengut. Große, bunt geblümte Sessel mit hohen Rücken und ausladenden Armlehnen umrahmen stilvoll eingedeckte Tische mit nostalgischen Lämpchen darauf. Nobel, nobel.

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Vornehm reist es sich in der Luxusklasse.

Unser Abteil ist weitaus bescheidener, eher proletarisch angehaucht, wenngleich nicht unbequem. Erwartet hatte ich dunkelbraune, von zahlreichen Hinterteilen auf Hochglanz polierte und mit allerlei Botschaften verzierte Holzbänke. Nichts da. Lilafarbene Plüschsitze an ungedeckten Campingtischen. Genausogut hätten wir in einen polnischen Eurocity von Berlin nach Warschau steigen können. Alles ein wenig verloddert, aber nicht ohne Charme. Links neben uns sitzt ein älteres Roadtrip-Pärchen, wobei der Herr mit weitkrempigem Hut, an dem allerlei Pins befestigt sind, wie ein echter Railway-Superstar aussieht. Auffällig sind die vielen Altherrenrigen, Grüppchen aus drei bis fünf älteren Modellen in langen Trenchcoats oder rot-blauen Anoracks mit schicken Baskenmützen, die gesellig beieinandersitzen. Natürlich sind auch ein paar lebensfrohe Asiaten mit an Board, die mit riesigen Skibrillen auf der Nase gegen den Zugwind perfekt ausgerüstet scheinen.

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Wir haben die Hühnerklasse gewählt.

Mit einem sanften Ruckeln setzt sich das urige Gefährt allmählich in Bewegung. Leider sitzen wir auf der Hinfahrt zu weit vom Motor entfernt, als dass wir das beruhigende Tuckern der Dampflok hören könnten. Doch wir haben den Dampf auf unserer Seite, der sich während der Fahrt wie riesige Zuckerwattebausche in Bäumen und Sträuchern verfängt, über Feldern und Wiesen haften bleibt.

Das ganze Land scheint auf den Beinen. Die Durchfahrt des Sonderzuges zieht allerorts Schaulustige an. Und so wird fleißig von Brücken und Mauern herübergewinkt, mitten im Nirgendwo stehen Kamerateams bereit, auf Leitern unter Apfelbäumen (!), zwischen Hecken und in Vorgärten haben sich neugierige Menschentrauben postiert. Da wird geknipst, gestaunt, gefilmt und abgelichtet, was das Zeug hält. Ja, sogar ein ganzes Flugzeug schwebt plötzlich über uns, dreht ab und nähert sich erneut, um Schnappschüsse zu ergattern. Ich staune über so viel journalistischen Ehrgeiz. Und tatsächlich finden wir am nächsten Abend sogar ein Bild in der “Times”, der wichtigsten Tageszeitung im Vereinigten Königreich.

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DAS Ereignis in der Region.

Ich bereue ein wenig, dass ich den Zug nicht von außen sehen kann, wie er schnaufend durch die nordenglische Landschaft dahinfliegt, eine lange Dampfschwade hinter sich herziehend. Doch auf YouTube gibt es inzwischen zahlreiche Videos, hier ist eines davon:

Die erste Aktivität im Zug führt uns an den Tresen der kleinen Bar im etwas abgegrabbelt wirkenden Speisewagen. Hier gibt es wässrigen Instantkaffee, allerlei Spirituosen und kleine Snacks im Überfluss. An den Seiten des schmalen Ganges sind kuschelige blaue Sitzbänke angebracht, die jedoch allesamt schon vom Zugpersonal besetzt sind. Ist ja auch nur fair, denn die Passagiere haben ja bereits reservierte Plätze. Mit proppevoll bis an den Rand gefüllten Kaffeebechern kämpfen wir uns durch drei Abteile mit schwergängigen Türen. Doch wir sind ja nicht in Deutschland, wo jeder zusehen muss, wie er klarkommt, eifrig kommentiert und belehrt wird, sondern im höflichen England, wo einem die Türen schon aufgehalten werden, wenn man noch gar nicht in Sichtweite ist. Als ich dann auch mal jemanden vorbeilassen will, indem ich freundlich zur Seite trete, stolpere ich über zahllose leere Gin- und Weinflaschen, die am Boden herumkullern. Ein Blick auf den zugehörigen Tisch lässt mir den Atem gefrieren. Es sieht kurz gesagt, aus wie ein Junggesellenabschieds-Saustall oder dergleichen. Und genauso wird es auch gewesen sein, denn der Tisch gehörte zu einer Gruppe junger Männer in den Zwanzigern, die alle in typischer Dreißigerjahre-Kluft kostümiert im Zug herumstolzierten. Ich staune über so viel britische Unanständigkeit und balanciere meinen Kaffee unfallfrei in mein Abteil.

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So lässt es sich 12 Stunden ganz gut überleben.

Damit die Fahrgäste, von denen einige, wie ich an manch gelangweilten Gesichtern ablesen kann, wohl des Öfteren an Board sind, vor lauter Fahrerei nicht quengelig werden, hat sich Railway Tours ein besonderes Schmankerl einfallen lassen. Es gibt eine kleine Lotterie, bei der man Tickets für eine der nächsten Fahrten, aber auch eine Flasche Champagner gewinnen kann. Natürlich setzen wir alles auf die spritzige Spirituose und … verlieren hauchshoch! Vermutlich hat sich das Zugpersonal auf den Kuschelbänken in der Kaffeebar die Flasche selbst eingeheimst und prostet sich nun schadenfreudig zu.

Die Szenerie, die von innen am Fenster vorbeischwebt, ist so unbeschreiblich, dass ich es gern den Bildern überlasse, die ich während der Fahrt trotz ewig beschlagener Fenster und schunkelndem Untergrund eifrig knipsen konnte. Seht selbst:

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Zwischenstopp in Carlisle

Nach rund 5 Stunden Fahrt erreichen wir den Höhepunkt der Reise und können uns für rund zwei Stunden in Carlisle die Beine vertreten. Das historische Städtchen liegt in der Grafschaft Cumbria, befindet sich nur 16 Kilometer von Schottland entfernt und war historisch die letzte englische Festung vor der schottischen Grenze. Über Jahrhunderte geriet es zum Zankapfel zwischen beiden Königreichen. Und irgendwie spüre ich die Atmosphäre der Highlands regelrecht, als ich durch die Straßen laufe. Am Eingang zum Stadtzentrum durchschreitet man einen wuchtigen Torbogen, der aussieht als wäre er eine Filmrequisite, die von hinten ihre 3-D-Optik verliert und von Holzstreben gehalten wird. Doch das täuscht. Heinrich der VIII. ließ das Schmuckstück einst errichten. Eine winzige Plakette verrät, dass hier an der roten Ziegelsteinmauer im 19. Jahrhundert die letzte offizielle Hinrichtung vollzogen wurde.

Das Schloss Carlisle Castle liegt direkt am Zentrumsgürtel und befindet sich in gut erhaltenem Zustand. Deutsche Qualitätsarbeit sage ich nur, denn zur Festung ausgebaut wurde das auf Geheiß Wilhelms II. im 11. Jahrhundert errichtete Schloss im 16. Jahrhundert von dem deutschen Baumeister Stephan von Haschenperg. Wenig später diente es für einige Monate als Gefängnis für Maria Stuart.

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Die Festungsmauern von Carlisle Castle.

Es gibt Vermutungen, dass Carlisle auf den Trümmern der sagenumwobenen und bis heute unentdeckten Festung Camelot, höfische Residenz König Artus, erbaut worden sei. Und noch eine Attraktion lässt die Stadt einzigartig werden: die Nähe zum Hadrianswall, der alten römischen Grenze zu Schottland. Viel können wir an diesem Tag aufgrund des engen Zeitfensters von der Stadt nicht sehen. Da wir ziemlich hungrig sind, laufen wir in Bahnhofsnähe zurück, um im Weatherspoon zu speisen.

Die Rückreise ist fast noch atemberaubender als die Hinreise. Als wir am Ende erschöpft und vollgestopft mit Eindrücken in den dunklen Abendhimmel Manchesters einrollen, bin ich mir ziemlich sicher: Nordengland ist eine der umwerfendsten Gegenden, die unser Planet zu bieten hat. Doch lassen wir Bilder sprechen:

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