Manchester

 

Aufbruch nach Nordengland
Nach London ist Manchester die erste größere englische Stadt, die ich kennenlerne. Und sie ist mit Abstand der nördlichste Punkt, den ich je auf der Insel erreicht habe. Manchester, einstiges Zentrum der Industriellen Revolution, Pionier der modernen Textilverarbeitung, Gegenstand ellenlanger Geschichtsstunden, bis zur Erschöpfung gepauktes Thema meiner schulischen Laufbahn. Und das ist auch schon so gut wie alles, was ich von dieser Stadt weiß und mit ihr verbinde, als ich in den Flieger steige, um meinen nordenglischen Freund wiederzusehen. Natürlich habe ich vorher in das eine oder andere Buch geschaut und Wikipedia befragt. Ich habe gelernt, dass Manchester die Wiege von vielem ist, Vorreiter in diesem und jenem. Aber viel hängen blieb von den Fakten nicht, denn was mich interessiert steht in keinem Reiseführer. Ich will die Stadt aufsaugen, das pulsierende Leben in ihren Adern spüren. Erfahren, wie es sich anfühlt, durch die Straßen zu laufen, die Menschen reden und lachen zu hören, die Ecken und Winkel zu entdecken, die nur die Einheimischen kennen. Im Flugzeug habe ich einen Fensterplatz ergattert, um die Pennines zu sehen, das aus fruchtbaren Flusstälern und Hügelketten geflochtene “Rückgrat” der Insel, wenn der Pilot Kurs auf Manchester nimmt.

Es geht los in Berlin-Schönefeld. Ich sehe von oben, wie unglaublich grün und seenreich Berlin ist, und kann es wieder nicht glauben. Dann ziehen lange Wolkendecken vorüber und ich lehne mich schläfrig in meinen nicht unbequemen Billigklassesitzplatz. Es dauert nicht lange, da erspähe ich Wasser und ein paar winzige Boote darauf, die wie Origami-Papierschiffchen übers Meer schippern. Durch den Wolkenvorhang bricht schließlich die englische Küste hindurch und ich wundere mich, wie seltsam flach diese Insel doch ist. Es scheint ihr ganz einfach an Höhe zu fehlen. Wie ein konstruktivistisches Gemälde erstreckt sie sich in 2-D-Perspektive vor mir. Zusammengesetzt aus farblich nicht unabgestimmten Flicken. Während das Flugzeug an der Küste entlanggleitet, erblicke ich einen schier unendlichen Teppich aus Feldern und Wiesen, aufgelockert durch winzige englische Backsteinhäuschen. Mir fällt auf, dass das Gras hier eine andere Farbe hat und in unzählbare Nuancen getaucht zu sein scheint. Es schießt dunkler und kräftiger aus dem Boden als bei uns. Insgesamt wirkt die Landschaft düsterer und bei Weitem mystischer. Kleine Schafherden grasen friedlich vor sich hin. Die Wolken hängen wie gefrorener Rauch über England und ich befürchte, dass ich die Pennines vielleicht nicht sehen kann, aber dann tauchen sie plötzlich wie aus dem Nichts heraus auf. Auf Anhieb verliere ich mich in ihrem unberührtem Zauber. Doch ehe ich ihre Schönheit und ihr Wesen begreifen kann, erreichen wir Manchester und ich erwache aus einem nebligen Traum.

Welcome to Manchester
Als ich aus dem Flugzeug steige, umhüllt mich warmer Sonnenschein. Untypisch für diese Gegend, die bekannt sein soll für den weltbekannten, nie enden wollenden englischen Regen. Meine Wetterberichts-App versprach schlechtes Wetter. Und jetzt das! Die Frisur hält. Wer hätte das gedacht. Die Stadt begrüßt ihre Gäste mit wohligem Willkommensgruß. Mein Herz schlägt Purzelbäume und ich reihe mich brav in die Schlange Richtung Terminal ein. Ich folge verglasten Korridoren, pese aufgeregt und voller Vorfreude durch endlose Gänge. Der Weg Richtung Ausgang ist eine Geduldsprobe. Und dann erreiche ich die Passkontrolle. Undurchsichtige Labyrinthe mit blauem Absperrband versehen sollen den Weg weisen. Doch ich bin verwirrt. Habe keinen Plan, was ich tun, wohin ich gehen soll. Also folge ich einfach meinen Vorgängern nach. Vorbei an dem grimmig dreinblickenden Security-Mann, der selbst nicht so recht zu wissen scheint, wo er ist und was er tun soll. Die Menschenschlange quält sich schleppend vorwärts. Mein Rucksack drückt auf meinen Schultern. Wieder einmal habe ich viel zu viel unnützen Kram dabei. Dann endlich stehe ich an vorderster Front, werde höflich zu einem der Schalter gebeten. Der prüfende Blick des Kontrolleurs verursacht mir Unbehagen. Doch er erkennt wohl eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Passbild und lebendem Exemplar. Innerhalb einer halben Minute ist alles vorüber. Ich verstaue meine Formalien im Rucksack und mache mich auf zur letzten Etappe. Eine Treppe tiefer erreiche ich die Ankunftshalle. Eine wartende Menschentraube wippt aufgeregt mit Füßen und Schildern. Dann entdecke ich meinen Lieblingsengländer, der mir mit strahlendem Lächeln entgegenläuft. Auf Anhieb fühle ich mich, als wäre ich nicht in die Fremde, sondern nach Hause gekommen. Wir schlendern zum Auto und ich freue mich auf das Abenteuer Linksverkehr.

Auf den englischen Straßen
Zu meinem Erstaunen gewöhne ich mich schnell daran, dass auf englischen Straßen alles spiegelverkehrt läuft. Ich frage mich jedoch, ob ich mich daran gewöhnen kann, den Schalthebel links zu bedienen. Es sitzt sich gut auf der obsolet gewordenen Fahrerseite. Mit weit über 40 Meilen, der auf den aufblitzenden Schildern vorgegebenen Geschwindigkeit, rauscht die Landschaft an uns vorbei. Auf dem Motorway erlebe ich rasante Einfädelungsmanöver, knappe Überholversuche. Unweigerlich muss ich darüber nachdenken, wie das eigentlich zusammenpasst. Anders als im Geschäft scheint sich der Engländer auf der Straße nirgends brav einzureihen. Auch fehlt das gewohnt überbetonte „Sorry!“, was an den akustischen Verhältnissen liegen mag. Ich vertraue meinem englischen Fahrer blind, behalte aber die Augen offen. Das englische Navi ist genauso unpräzise wie das deutsche und so landen wir mitunter auf ungeplanten Abwegen. Während ich der digitalen Stimme lausche, lerne ich neue Vokabeln und erfahre, dass „roundabout“ kein deutsches Managerwort ist, sondern einfach „Kreisverkehr“ heißt. Dann endlich sind wir am Ziel und dennoch nicht ganz sicher, denn das Hotel ist nirgends in Sicht. Also geht es erst mal auf ins restlos überteuerte Parkhaus, das sich in Runden erschließt. Die untersten Stockwerke sind rappelvoll. Dann ertappe ich mich dabei, wie ich ein britisches Klischee hervorkrame. Während mein Freund auf der Suche nach einem Parkplatz immer höhere Stockwerke erklimmt, ist mir, als führen wir immer auf demselben Stockwerk herum, und zwar in unendlichen Runden. Ich überlege, ob ich etwas sagen solle, in der Art wie: „Denkst du wirklich, dass in den nächsten Sekunden etwas frei wird, wenn du immer und immer wieder im Kreis fährst?“ Aber stattdessen bleibe ich still und bewundere die englische Ausdauer. Ich begreife erst spät, dass wir nicht im Kreis fahren, sondern inzwischen in der 7. Etage angelangt sind. Als ich von meiner Dummheit berichte, liegen wir am Boden vor Lachen. Wenig später spuckt uns das Parkhaus aus und wir stehen kaffeedurstig im Herzen von Media City.

Media City UK
Unweit der Salford Quays, direkt am Manchester Ship Canal liegt das Viertel mit der höchsten Promirate der Stadt. Drehort bekannter Soap Operas wie “Coronation Street”, Sitz der BBC. Hier spielen sich tagsüber schon mal interessante Szenen ab, fern ab jeglicher Gewohnheit. Da sitzt eine lustlos dreinblickende Braut verstört auf der Betonmauer am Flussufer, spielen zwei smarte Typen Tennis auf einem winzigen, umzäunten Minifeld, während wenig weiter das aktuelle Wimbledon Match von der Public-Viewing-Wand flimmert. Ringsherum strahlende Gesichter in Überlebensgröße, die von riesigen Plakaten heruntergrinsen. Umsäumt von Hotels und Tagungszentren, die sich modern und selbstbewusst in den Himmel strecken, steht da mitten auf dem Platz ein verlassen wirkender Grillimbiss. Neben den großen Medienhäusern entdecke ich auf der gegenüberliegenden Flussseite den unscheinbaren kleineren Bruder vom großen Imperial War Museum London. Immerhin ein Bauwerk des berühmten Daniel Libeskind. Als Historikerin möchte ich unbedingt einen Blick hineinwerfen.

Durch den originell schief geschnittenen Eingang gelangt man auf direktem Weg zur Info-Theke. Hier sei eingeworfen, dass die staatlichen Museen in England kostenlos sind, was ich für eine großartige Sache halte. Immerhin erhält der brave Steuerzahler dadurch auch ein oft vernachlässigtes Gut zurück für seine täglichen Mühen: Allgemeinbildung. Natürlich weisen ein paar sichtbar angebrachte Hinweistafeln höflich darauf hin, dass eine kleine Spende nicht mit Unwohlsein betrachtet würde. Das ist psychologisch ziemlich clever, leuchtet mir auf. Während in Deutschland Besucher verschämt daran vorübergingen, ohne auch nur ihren Geldbeutel mit dem kleinen Finger zu berühren, bleibt der Engländer, höflich und zuvorkommend, wie es seiner Erziehung entspricht, schüchtern stehen, öffnet seine Börse und fragt unsicher, aber allen Ernstes, ob fünf Pfund denn angemessen seien. Wenn das keine clevere Geschäftsstrategie ist! Als Gegenleistung – denn auch der reich Beschenkte fühlt sich nun in der Bringschuld, weil er eben auch Engländer ist – versucht der Herr von der Info alles, was er über die Geschichte des Hauses, das Ausstellungskonzept, den besten Weg durch die Räumlichkeiten usw. auch nur im Geringsten im Hinterkopf angesammelt hat, zum Besten zu geben. Der Informierte lauscht geduldig den Ausführungen, denn auch hier ist Höflichkeit das oberste Prinzip. So stehen wir eine Ewigkeit vor dem Infostand, während ich innerlich abschalte und tagträumend in der aufgeregten Mimik des Vortragenden versinke.

Doch zu meinem Erstaunen ist auch der Engländer nur ein Mime der Zuhörkunst. Nach dem detailreichen Informationsquell sind wir nicht schlauer als vorher. Nur eins ist klar: Die Hauptausstellung bleibt an diesem Tag zwecks Sonderveranstaltung geschlossen. Bleibt also “nur” die Sonderausstellung zum 1. Weltkrieg, der dieses Jahr groteskerweise “jubiliert”. Das Museumskonzept überzeugt durch selten so persönliche Dokumente, lebendige Zeugnisse aus einer Zeit voller Schrecken und Grausamkeit. Berührende Kinderbriefe, verzweifelte Zeilen, Gedichte und zahlreiche Telefonstationen, an denen man sich das Schicksal von Zeitzeugen hautnah anhören kann, wechseln sich ab und setzen sich zu einem bedrückend anschaulichen Mosaik zusammen. Nur eines stört mich: An jeder Themenstation wurde eine kleine Aussparung in die Wand eingelassen, in der unbeschriebenes Papier und ein Stift liegen. Darüber prangt je eine Frage, die beantwortet werden soll. Eine davon blieb mir in Erinnerung: Wie würdest du dich fühlen, wenn morgen der Krieg ausbrechen würde? Himmel, was für eine selten dämliche Frage! Das kann doch unmöglich ernst gemeint sein. Ich wundere mich sehr über so viel Geistlosigkeit. Wie soll sich jemand da bitteschön fühlen? Eine Frage, die jeder Antwort entbehrt. Empört lasse ich die Frageboxen allesamt links liegen. Doch der nächste verstörende Augenblick lauert kurz darauf im bunt zusammengemixten Museumsshop. Vielleicht vergesse ich manchmal, dass der Umgang mit der Weltkriegsthematik in Deutschland ein äußerst sensibles Thema ist, doch die heroische Zurschaustellung des Unheils auf Kühlschrankmagneten und Kaffeetassen verursacht mir einfach Magengrummeln. Da lässt sich nichts beschönigen. Zumindest ist die emotionale Bedrückung verschwunden, überlagert durch einen bitteren Nachgeschmack. Nachdenklich lassen wir das eigenartige Militärmuseum schließlich hinter uns.

Im warmen Sonnenschein wirkt das Viertel mit dem aufregenden Namen immer noch wenig eindrucksvoll. Auch hier schwimmt im Wasser reichlich Plastikmüll, grölen Schulklassen vorbei. Doch in der Nacht verändert sich alles. Da flimmert Media City in purpurnem Schimmer auf. Mit wohligem Staunen bewundere ich das farbenprächtige Spiel der Lichter nach Einbruch der Dunkelheit. Die architektonischen Riesen und die Brücken erstrahlen in einer beeindruckenden Leuchtinstallation. Was für ein Ort für traumlose Schlafwandler, denke ich. Kein Mensch weit und breit. Media City gehört nach Anbruch der Dunkelheit denen, die mit wachen Augen träumen können. So viel ist sicher.

Tagsüber ist hier nichts sicher. Man kann nicht sagen, ob die sonnenbebrillten Skater-Typen am Hafen ihrem echten Leben frönen oder nur Teil der Kulisse sind. Akteure der neuesten Serienstaffel, dessen Namen ich nicht kenne. Und überhaupt würde ich wohl kaum eine Berühmtheit ausmachen, selbst wenn sie mir den letzten Dark Brown Chocolat Cookie aus der Coffeeshop-Theke vor der Nase wegschnappen würde. Es sei denn, es wäre die letzte Fleischpastete. Dann wäre ich sichtlich sauer. Ich kenne einfach niemanden. Keinen der breit grinsenden Schauspieler, keinen Regisseur, kein Filmset, keine noch so dramaturgisch ausgeklügelte Handlung. Und gerade deshalb wirkt dieser seltsame Ort wie aus der Realität gefallen, an die man erst mit der Tram wieder Anschluss findet.

Der gelbe Ticketautomat ist einfach zu bedienen, wenn man weiß, wie. Drei Pfund für eine Hin- und Rückfahrt und ein lustiges orange-weißes Ticket. Die Fahrt in die Stadt dauert eine gefühlte Ewigkeit. Doch das liegt weniger an der Länge der Strecke, als an der gemütlich dahintuckernden Straßenbahn, die sich mühsam durch die Landschaft quält. “Piccadilly Gardens” heißt unsere Endstation.

Exploring the City Centre
Und da stehe ich, mitten in der Geschichte. Manchester, Wiege der industriellen Revolution und Entstehungsort des Kommunistischen Manifests, lebendig gewordener Lernstoff meiner Schulzeit. Auch dich hat der Kapitalismus überrollt. Im Überfluss bestückte Shoppingcenter, die üblichen Kaffeehaus- und Fast-Food-Ketten, moderne Wolkenkratzerarchitektur, dazwischen huschen mit Primarktüten behängte Passanten umher. In der Mitte des grünen Platzes, auf dem sich gechillte Mancunians lässig tummeln, ragt eine bekannte Silhouette auf. Ein verwaistes weißes Riesenrad, eine wenig überzeugende, weil unpassende Imitation des hoch frequentierten London Eye. Hat Manchester das wirklich nötig? Dass der Schatten Londons bis hierher reicht, stimmt mich traurig, weil ich mir sicher bin, dass diese Stadt weitaus mehr zu bieten hat. Wir verlassen die Hauptachsen und suchen die verwinkelten Gassen, die “dingy corners”, in denen heißer Dampf aus den Küchen qualmt und schwarz-metallene Feuerleitern verschwommen an unverfilmte Agatha-Christie- Szenen erinnern. Hierhin zieht es mich magisch.

Und da sehe ich es! Der besondere Charme dieser Stadt überwältigt mich. Schlagartig fühle ich mich mitten in einen Charles-Dickens-Roman versetzt. Es sind die vertrauten dunkelroten Ziegelsteinfassaden, die die Stadt in einen melancholischen Zauber hüllen. Unverkennbar vernehme ich ohrenbetäubendes Maschinenkreischen, dumpf brüllende Dampfmaschinen, schmecke Kohlenstaub, sehe rußverschmierte Körper sich auf- und nieder beugen. Mit allen Sinnen spüre ich den Odem der Geschichte zwischen den dunklen Backsteinen hervorquellen. Mir stockt der Atem und ich begreife, was mir Geschichtsbücher verstaubt und trocken nie in dieser Lebendigkeit zu erkennen gaben: das elende Los der Arbeiterschicht. Hier hatte es sich für immer eingebrannt.

Im Northern Quarter
Obwohl der Vergleich mit London mehr als hinkt, fällt doch eines gewichtig ins Auge: Manchester wirkt in allem bescheidener. Nicht, weil es viel weniger zu bieten hätte. Nein, weil es nicht protzt und nicht nach Aufmerksamkeit heischt. Die besonderen Orte findet man hier nur durch Zufall, fern ab der Hauptverkehrsachsen, auf den lautlosen Nebenstraßen. Aber auch ein gepflegter Spaziergang durch die Manchester Winkel und Gassen macht durstig. Ein Abstecher ins Northern Quarter, dem Szene- und Künstlerviertel von Manchester, lohnt sich.

Auf der Suche nach einem gemütlichen Pub mit stilvollem, aber keineswegs vornehmem Ambiente, etwas ausgefallen vielleicht, aber nicht hipstervereinnahmt, stößt man unweigerlich auf eine Lokalität, deren Aushängeschild sofort ins Auge sticht. Ein rundliches königsblaues Schweinchen hängt da neben dem Eingang des “Blue Pig” und verspricht das besondere Etwas. Und es hält sein Versprechen. Die schon am Nachmittag prall gefüllte Bar bietet alles, was das von weiten Märschen durch die Stadt geplagte und durstige Fußgängerherz begehrt. Eine Palette an erfrischenden Drinks und Spirituosen, wie man sie von einem guten englischen Pub erwartet. Der Barkeeper wirkt stilecht und vollführt seine Mixkunst mit selbstsicherer, offener Miene. Ich bestelle ein großes Glas Chardonnay, ein Wein, der mich ermuntert und meine Lebensgeister weckt. Mein charmanter Begleiter wählt englisches Quasselwasser, wie ich das niedrigprozentige Bier hier nenne, das mitunter zu ausführlichen Monologen über die mir bisher unbekannten Details britischer Geschichte führen kann. In einer Nische entdecke ich eine mit allerlei Dekor gefüllte Tiefkühltheke, in deren Mitte unverhofft zufrieden ein großer blauer Schweinekopf prangt. Ich kann nicht erkennen, ob es sich um Essbares handelt, das da so schick zurechtpräpariert herumliegt.

Konzentriert balanciere ich mein Weinglas durch die prall gefüllte Bar, in der jeder Quadratmeter ökonomisch genutzt scheint. In einer der hinteren Ecken finden wir einen passablen Zweiertisch, lassen uns nieder und werfen allen Ballast von uns. Und genau dieses Pubgefühl ist es, was ich so noch in keiner verranzten Berliner Eckkneipe erlebt habe. Wobei die erste Hürde darin besteht, die meist verrauchten, von außen uneinsichtigen Lokalitäten überhaupt erst einmal zu betreten. Egal zu welcher Uhrzeit, der Genuss von Alkohol scheint nirgends so untabuisiert wie in England zu sein. Der Pub ist kein Ort, in dem es gilt, sich hemmungslos zu besaufen, sondern ein Ort der gepflegten Konversation. Und die Menschen sprechen hier tatsächlich miteinander, schauen einander in die Augen und lassen das Smartphone in der Hosentasche. Erhascht man zufällig ein paar Gesprächsfetzen, könnte man den Eindruck gewinnen, ein englischer Pubbesucher ist immer auch zumindest ein Hobbyphilosoph. Verglichen mit den meist unter jeglicher Gürtellinie rangierenden, mehr dahingelallten als gesprochenen Dialogen im vernebelten Halbdunkel einer Berliner Kneipe … Na ja, hier verbietet sich wohl jeglicher Vergleich.

Doch das lauschige Pub ist nicht nur ein gemütliches Plätzchen, das zum Verweilen einlädt. Das “Blue Pig” ist auch ein wunderbares Markierungsfähnchen auf der Gedächtnislandkarte, die sich ja ab und zu in die wildesten Richtungen dreht, sodass am Ende jeglicher Orientierungssinn infrage gestellt scheint. Dann steht man mitten im Nirgendwo und ahnt nicht, dass man im Grunde … genau dort ist. Wo immer man dieses possierliche Tierchen erblickt, das da so glücklich von der Messingstange baumelt, weiß man: Ich bin nicht weit vom Zentrum und weiß zumindest annäherungsweise, wo ich mich befinde.

The bluu
Die Vorliebe für die Farbe blau scheint in Manchester Programm zu sein. Ich habe keine Ahnung, was tatsächlich dahinter steckt, ob es eine ausgefeilte, psychologische Stadtmarketingoffensive gibt, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl erstehen lassen will. Oder ob es einfach daran liegt, dass Blau die mitunter melancholischste aller Farben ist und den schwermütig schönen Ton Manchesters eben am besten trifft. Was auch immer. Eines ist klar: die Farbe Blau zieht sich wie ein “roter Faden” durch das Stadtbild.

Unweit vom Blue Pig befindet sich das nicht weniger ominöse “bluu”. Eine etwas überteuerte, aber nicht weniger extraordinäre Lokalität mit einladendem Pubcharakter, wenn auch nicht so gut besucht wie das kultige „blaue Schwein“. Fläzen ist aber auch hier an der Tagesordnung. Die Drinks genießt man entweder auf langweiligen, normalen Barstühlen oder aber man wählt die Variante, in der man die lästig steife Etikette mal ganz geflissentlich fallen lassen kann. Dann pflanzt man seinen Hintern bequem auf eines der durchgesessenen Big Sofas an der Fensterfront. Doch Vorsicht ist geboten! Ganz schnell passiert es, dass man nicht mehr auf dem Sofa, sondern in demselben sitzt. Unter so mancher Sitzauflage lauert nämlich eine tiefe Kluft.

Und so vergehen Stunden, in denen einen das wohlige Gefühl beschleicht, man säße an einem zeitlosen Ort irgendwo zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, an dem nichts wichtiger scheint als der Genuss des puren Augenblicks. Und wieder fällt mir auf, dass verschiedenste Kulturen weniger Trennendes als Verbindendes schaffen und dass die Menschen mit all ihren Eigenheiten im Grunde überall dieselben sind.

 

 

 

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